«Es war ein unglaublicher Kraftakt»

Interview

Der Schweizer Dokfilm «Negativ: Nichts» sorgt in Japan für Aufsehen. Regisseur Jan Knüsel über das Japan nach Fukushima und wie die Japaner die Schweiz sehen.

Zu Fuss durch Japan: Trailer zum Dokfilm «Negativ: Nichts».

Philippe Zweifel@delabass

Thomas Köhler wanderte 2900 Kilometer durch Japan – und Sie? Wir haben ihn dreimal in Japan begleitet und dies sehr intensiv. Die Drehtage waren lang. Uns wurde schnell bewusst, was für einen unglaublichen Kraftakt Thomas Köhler vollzog. Ich will jedoch betonen, dass wir keinen Reisefilm gemacht haben. Es ist viel mehr eine Geschichte über einen Mann, der fiel, wieder aufstand und nebenbei ganz viele Menschen inspirierte. Der Dokumentarfilm deckt ja die Zeitspanne eines Jahres ab. Auch in Zürich und Winterthur haben wir gedreht.

Der Film heisst «Negative: Nothing». Das ist optimistisch, Fehler wurden nach den Katastrophen ganz offensichtlich begangen – thematisieren Sie diese im Film? Selbstverständlich thematisieren wir im Dokumentarfilm Japans Gesellschaft nach Fukushima. Dieser Kontext der Reise war uns sehr wichtig. Thomas Köhler selbst war auch als Aufräumhelfer im Tsunami-Gebiet. Er hat die Auswirkungen der Katastrophe mit eigenen Augen gesehen. Auch dies ist Teil unseres Dokumentarfilms. Der Titel bezieht sich auf die Reiseerlebnisse und Begegnungen Köhlers mit Japanern, die ausschliesslich positiver Natur waren.

Wie sieht die japanische Bevölkerung rückblickend auf die Katastrophe? Herrscht Wut auf die Verantwortlichen? In Japans Bevölkerung herrscht eine grosse Frustration über die Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft, die noch immer dominiert. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen ist stark angeschlagen. Der Ärger ist gross, dass niemand die Verantwortung für die AKW-Katastrophe übernimmt. Es gibt aber auch Ermutigendes. Eine Anti-AKW-Protestbewegung ist entstanden. Heute sind 48 von 50 Reaktoren abgestellt. Nicht die Politiker, die Bevölkerung hat dies bewirkt. Es bewegt sich etwas in Japan.

Wer beeindruckte Sie im Zuge Ihrer Recherchen und Interviews am meisten und warum? Das waren die unzähligen Menschen in Japan, denen wir auf der Strasse begegnet sind und die mit Thomas Köhler aus Neugier spontan ein Gespräch führten. Ihre Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Dankbarkeit gegenüber diesem Schweizer mit Strohhut und Rucksack war beeindruckend. Thomas Köhler betonte stets, dass ihm solche Begegnungen die Kraft gaben, die 2900 Kilometer zu vollenden.

Köhlers Aktion wurde von den Japanern verständlicherweise mit Erstaunen aufgenommen. Was ist eigentlich das Schweiz-Bild der Japaner? Ganz allgemein ist das Schweiz-Bild in Japan sehr positiv. Neutralität, Sicherheit und Heidi sind feste Begriffe. Andy Hug ist hier ebenfalls noch in guter Erinnerung. Selbstverständlich hat auch Thomas Köhler viel zum guten Image der Schweiz in Japan beigetragen. Noch heute erhält er Dankesbriefe aus Japan. «Thomas und alle Schweizer sind in Japan mehr als herzlich willkommen», lese ich immer wieder in japanischen Blog-Kommentaren.

Der Film kostete 50'000 Franken. Woher stammt das Geld? Wir haben uns weder beim Kanton noch beim Bund beworben. Wir mussten damals schnell reagieren und sofort nach Japan fliegen. Ansonsten wäre Thomas Köhlers Reise schon vorbei gewesen. Ein paar Firmen haben unsere Sponsoringanfragen abgelehnt. Das ist aber weiter nicht schlimm. Der Dokumentarfilm wird von unzähligen Mikrosponsoren aus der Schweiz und Japan getragen und ist dadurch ein zu 100 Prozent unabhängiges Projekt. Über Facebook und Twitter konnten wir diese Menschen auf das Projekt aufmerksam machen und dafür begeistern. Die Social Media eröffnen den Filmemachern ganz neue Möglichkeiten. Über unsere Website sind Mikrospenden für die anstehenden Promo-Kosten übrigens immer noch willkommen.

Sie haben in Japan studiert und reisen mehrmals pro Jahr nach Japan. Verständlicherweise geht Ihnen die Geschichte Köhlers nahe. Wieso sollte man sich als Schweizer Ihren Film ansehen? Weil es ganz einfach eine inspirierende und ermutigende Geschichte ist, die aufzeigt, dass man mit einer simplen Idee etwas zum Besseren verändern und ganz viele Menschen damit inspirieren kann. Thomas Köhlers Aktion ist eine Geschichte mit einer universellen Botschaft. Es wäre ohnehin falsch von einem Reise- oder einem Fukushima-Film zu sprechen.

Sie haben für den Film Ihren Job als Journalist aufgegeben. Was ist Ihr nächstes Projekt? Ich sagte mir, dass es ein solches Projekt nur einmal geben wird. Da konnte ich nicht lange zögern. Journalist bleibe ich aber weiterhin. Ich schreibe seit ein paar Jahren den Newsblog Asienspiegel.ch, in dem ich täglich mit zwei Kollegen über die Ereignisse in Japan, China und Taiwan berichte. Dieser Blog gab mir die Inspiration für «Negative: Nothing». Er hat mir auch bereits die Idee für ein nächstes Projekt gegeben. Die nächsten Monate stehen aber ganz im Zeichen von «Negative: Nothing».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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