Es geht um Macht, nicht um Sex

Die 75. Verleihung der Golden Globes wurde zu einer Protestshow gegen sexuelle Belästigung. Der Abend liess aber keinen Zweifel daran, dass sich im Filmbusiness so schnell nichts ändern wird.

Black Clothes Matter: Reese Witherspoon und Mitglieder des Casts von «Big Little Lies» erschienen in der Protestfarbe Schwarz. Foto: Epa, Hfpa

Black Clothes Matter: Reese Witherspoon und Mitglieder des Casts von «Big Little Lies» erschienen in der Protestfarbe Schwarz. Foto: Epa, Hfpa

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Als Seth Meyers seine Pointen an die Frauen im Saal verteilte, geriet er irgendwann an die falsche Person. Das passierte, weil der Moderator der 75. Verleihung der Golden Globes, die am Sonntagabend in Beverly Hills stattfand, das Witzemachen während seines Eröffnungsmonologs für ein paar Minuten mit den Schauspielerinnen teilte. Er lieferte also den Aufbau, und die Darstellerin am Saalmikrofon gab die Pointe zurück. Eine Weile lang ging das gut. Aber dann gelangte Meyers an Amy Poehler, eine Komikerkollegin, die es gar nicht lustig fand, dass ein Mann ihr erst alles erklären und dann noch die Vorlage liefern muss, damit eine Frau einen Scherz machen kann. Sie riss dann einfach einen eigenen Witz, so, wie die Frauen überhaupt an diese Preisverleihung in Hollywood gekommen waren, um den Männern zu sagen: Wir können das alles schon auch selber.

Natürlich war das alles geskriptet und geprobt. Aber es war einer der lustigsten Momente an dieser trotz allem recht lockeren Award-Show, bei der die Auslandpresse Hollywoods Preise vergibt, mit denen sie manchmal die Oscars vorwegnimmt, öfter aber auch ziemlich danebenliegt. Noch komischer war nur der Augenblick, als Frances McDormand, ausgezeichnet als beste Darstellerin im Drama «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri», die Bühne betrat und knapp sagte: «Die Frauen sind heute Abend nicht wegen des Essens hier, sondern wegen der Jobs.»

Ein Abend weiblicher Solidarität

Das Essen auf den runden Galatischen sah zwar auch lecker aus, aber letztlich traf sie damit den wunden Punkt der ganzen Sache. Wenn die 75. Golden Globes im Zeichen von Harvey Weinstein und #MeToo stattgefunden haben, von gruseligen Männern in Bademänteln und jungen Schauspielerinnen in Bedrängnis, dann geht es im Kern nicht um Sex, sondern um Macht. Es geht um eine Machtstruktur und ein System des Schweigens, das Übergriffe ermöglicht. Frauen sind da immer noch oft mehr schöne Körper denn Autorinnen und Regisseurinnen. Bei nicht einmal fünf Prozent der erfolgreichsten US-Kinofilme zwischen 2002 und 2014 hat eine Frau Regie geführt. Beim Verband Directors Guild of America ist knapp ein Viertel der Mitglieder weiblich.

Dass über 300 Frauen aus Hollywood, unter ihnen Reese Witherspoon, Gwyneth Paltrow und Meryl Streep, im Vorfeld der Golden Globes die Initiative «Time’s Up!» gegen sexuelle Belästigung gegründet haben, hat mit dieser Ungleichverteilung der Macht zu tun. Bislang haben sie fast 15 Millionen für einen Rechtsbeistandsfonds gesammelt, der Missbrauchsopfern zugutekommen soll, auch in weniger glamourösen Branchen als der Filmindustrie. Aber auch die Geschlechtergerechtigkeit in Filmstudios soll mit der Initiative verbessert werden. Und weil man sich in Hollywood auf Inszenierungen versteht, erschienen die geladenen Stars am Sonntagabend fast geschlossen in der Protestfarbe Schwarz, die Frauen in Roben, die Männer in Smokings mit «Time’s Up!»-Pins. Dresscode: Black Clothes Matter.

Es wurde ein engagierter Abend weiblicher Solidarität, es wurde auch ein aufgewühlter Abend, weil Menschen, die im Filmgeschäft arbeiten, noch immer wahnsinnig gerne Preise gewinnen. Die Schauspielerinnen, die geehrt wurden, erwähnten die mutigen Kolleginnen, die mit ihren Vorwürfen gegen Weinstein an die Öffentlichkeit gegangen sind. Andere dankten ihren kreativen Mitstreiterinnen, dank denen es möglich wurde, dass sie nun hier oben stehen dürfen. Es war eine einzige Feier der weiblichen Kraft, auch bei den geehrten Filmen. In «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri», dem besten Drama, spielt Frances McDormand eine unnachgiebige Mutter, deren Tochter vergewaltigt und ermordet wurde und die deshalb der Polizei die Hölle heiss macht. «Lady Bird» von Greta Gerwig, die wunderbar gespielte Abnabelungsgeschichte eines Teenagers, wurde als beste Komödie geehrt; auch deren Hauptdarstellerin Saoirse Ronan bekam den Schauspielerinnenpreis.

Absurder Auftritt Fatih Akins

Etwa das halbe Ensemble des Fernseh-Mehrteilers «Big Little Lies» erhielt einen Award, allen voran Laura Dern und Nicole Kidman. Die Krimiserie unter reichen Eltern und ihren schulpflichtigen Kindern in Monterey, Kalifornien, erzählt tatsächlich von ungezähmter männlicher Gewalt und unguten Abhängigkeiten. Elisabeth Moss wurde ausgezeichnet für ihre Darstellung in der Serie «The Handmaid’s Tale», worin die Frauen handfest sexuell ausgebeutet werden. Selbst in «The Shape of Water» des mexikanischen Kindskopfs und Regiepreisträgers Guillermo del Toro dreht sich alles um eine Frau. Hier ist es eine stumme Prekarisierte, die ein amphibienhaftes Fabelwesen befreit.

Bei den meisten Reden traten die Produzenten ans Mikrofon, die Schöpferinnen warteten an der Seite.

Auf den ersten Blick hatte also wie immer alles ein bisschen mit allem zu tun. Auf den zweiten zeigte sich, dass die «Plattenverschiebung in der Machtstruktur», von der Frances McDormand mit Hinblick auf #MeToo und «Time’s Up!» sprach, so schnell nicht eintreten wird. Man sah es bereits daran, dass auch an dieser kämpferischen Show bei den meisten Dankesreden die Filmproduzenten ans Mikrofon traten, während die Schöpferinnen an der Seite warteten. Greta Gerwig, Autorin und Regisseurin von «Lady Bird», musste sich von ihrem Produzenten sagen lassen, sie sei ja wohl die Einzige, die über diesen Film sprechen sollte. Wieder ein Mann, der es für nötig hielt, einer Frau eine Vorlage zu liefern, bevor sie das Wort ergreifen durfte.

Video: Oprah Winfrey sagt sexueller Belästigung den Kampf an

Die Rede von Oprah Winfrey. (Video: AP)

Der Produzent von «Big Little Lies» sagte, er werde sehr schnell sprechen, dann gebe er den Award gleich an Reese Witherspoon weiter, immerhin Co-Produzentin und Darstellerin. «Komm her und nimm dir das», waren seine Worte, Harvey Weinstein hätte es wohl nicht besser ausgedrückt. Vollends absurd wurde der Auftritt des deutschen Regisseurs Fatih Akin. Er gewann mit seinem Trauerdrama «Aus dem Nichts» den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film und hatte dann seine Hauptdarstellerin Diane Kruger hinter sich, zu der er sich mit dem Satz «Dieser Preis gehört dir» umdrehte, dabei aber seinen Award fest umklammert hielt.

Andererseits sind Dankesreden vielleicht gerade in Zeiten des Machtmissbrauchs umso wichtiger. Weil man, den Tränen nahe, ein System der Freundschaft bekräftigt: der Energiefreisetzung durch Gleichberechtigte. Die Schauspielerin und Drehbuchautorin Brit Marling beschrieb jüngst in einem Essay für «The Atlantic» ein unangenehmes Treffen mit Weinstein, aus dem sie sich damals zitternd befreite. Sie konnte es, schreibt sie, weil sie sich zuvor entschieden hatte, nicht mehr nur als Schauspielerin tätig zu sein, sondern auch als Autorin. Als Schauspielerin hätte ihr vielleicht die Kraft gefehlt, aus dem Hotelzimmer eines Starproduzenten zu fliehen; als Autorin aber konnte sie diese Kraft aufbieten, weil sie wusste, dass sie nach eigenen Bedingungen arbeiten kann.

Es ist deshalb ein Problem, dass auch an diesem Abend die Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen und Produzentinnen deutlich untervertreten blieben. Sexuelle Übergriffe bleiben eine Funktion des Machtungleichgewichts. Solange sich daran nichts ändert, können Männer tun, was sie wollen. Solange jedenfalls, bis sie an die falsche Frau geraten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 19:35 Uhr

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