«Ein Polizeiauto können wir nur einmal anzünden»

Ein Jahrzehnt arbeitete der Berner Juri Steinhart auf sein Filmdebüt hin. Diverse Umwege später erzählt er, warum er zum Improvisieren fand, wie er Krawalle inszenierte und was er von Luc Besson lernte.

Rebellion ja, aber wogegen? Dimitri Stapfer und Max Hubacher in «Lasst die Alten sterben».

Rebellion ja, aber wogegen? Dimitri Stapfer und Max Hubacher in «Lasst die Alten sterben».

(Bild: zvg)

Herr Steinhart, vor zehn Jahren drehten Sie Ihre ersten Kurzfilme. Warum hat es so lange gedauert bis zum ersten Spielfilm?
Juri Steinhart: Ich nahm mehrere Anläufe, aber meine Strategie war wohl falsch. Indem ich jeweils nur ein Filmprojekt verfolgte, das letztlich als Scherbenhaufen endete, verlor ich viel Zeit. Man darf nicht alles auf eine Karte setzen, sondern muss mehrgleisig fahren, um seine Existenz als Filmschaffender zu sichern.

Sie drehten zuletzt die Webserie «Experiment Schneuwly» und machen daneben Auftragsfilme. Wie bringt man Werbung und Fiktion unter einen Hut?
Im besten Fall lassen sich hier wie dort starke Emotionen auslösen. Wenn man mal das Vertrauen von Werbekunden hat, um mit statt­lichem Budget Dinge auszuprobieren, macht das schon Spass. Grundsätzlich ist Werbung für mich jedoch eine Quersubvention, um Spielfilme zu drehen.

«Schneuwly» spielte im beschaulichen Grosshöchstetten. «Lasst die Alten sterben» ist jetzt in der Stadt angesiedelt. Zufall oder Absicht?
Einerseits Zufall. Andererseits faszinieren mich die Extreme, das Groteske, starke Gegenpole.

Stark ist auch die gefühlte Energie in Ihrem Spielfilmdebüt.
Es ging mir darum, ein Ventil zu suchen.

Wofür?
«Lasst die Alten sterben» war ursprünglich als Dokumentarfilm geplant. Das war 2008, die Idee stammte von Kummerbuben-Sänger Simon Jäggi. Dann sollte daraus ein Spielfilm werden, der kurz vor den 80er-Jahre-Unruhen spielt. Im Zuge der «Tanz dich frei»-Krawalle 2013 entschieden wir uns, den Film in die Gegenwart zu verlegen, und ich fragte mich: Was interessiert mich persönlich an diesem Stoff?

Was interessierte Sie?
Die Politisierung von jungen Menschen im Hier und Jetzt. Ich wollte keinen Recherchefilm ­drehen, sondern aus der Aktualität heraus Ursachenforschung betreiben.

In «Lasst die Alten sterben» geht ja einiges zu Bruch: Handys, ein ganzes Wohnzimmer. Gegen Ende des Films sehen wir täuschend echte Krawallszenen. Wie haben Sie das gemacht?
Die Krawalle waren tatsächlich eine Herausforderung. Wir fragten uns: Kann man einfach ein Polizeiauto anzünden? Schliesslich machten wir aus der Not – unserem knappen Budget – eine Tugend und filmten die Szenen mit Handys. Da ist man näher dran, es wirkt authentischer. Wir wussten aber auch: ein Auto können wir nur einmal anzünden, ein Wohnzimmer können wir nur einmal demolieren. Ich habe viel in die Vorbereitung investiert und durchgehend mit zwei Kameras gedreht. Das hat sich gelohnt: Wir hatten den Film in nur zwanzig Tagen im Kasten.

Ist «Lasst die Alten sterben» als Provokation gedacht?
Der Film hat schon etwas Provokatives, allein durch seinen Titel. Und natürlich hoffe ich, dass er etwas auslöst. Zum Beispiel, wenn junge Menschen Stellung beziehen und sagen würden: «So wie im Film ist es nicht, wir sind durchaus politisch engagiert.» Dann hätte ich viel erreicht.

Erwarten Sie auch unwirsche Reaktionen?
Ich weiss, dass ich ein dickes Fell brauchen werde, aber das gehört dazu. Mir ist klar, dass ich mich exponieren muss, um diesen Film unter die Leute zu bringen.

Die Provokation kommt in «Lasst die Alten sterben» oft mit einem Augenzwinkern daher...
Ja, schon. Wenn man dem Film eine Chance gibt, dann hat er definitiv Charme.

Das Spezielle an «Lasst die Alten sterben» ist, dass alle Dialoge improvisiert sind. Wie kam es dazu?
Ich habe mich früh damit auseinandergesetzt, was authentische Dialoge sind. Schweizerdeutsch ist eine gesprochene Sprache. Wenn ich Dialoge schreibe, habe ich entsprechend Mühe, dass sie authentisch wirken. Bei «Experiment Schneuwly» setzte ich erstmals auf Dialogimprovisation. Das funktioniert aber nur, wenn man die Figurenentwicklung mit den Schauspielern im Detail durchspricht. Bei «Lasst die Alten sterben» war es ähnlich: Die Schauspieler bekamen ein Drehbuch, in dem die Dialoge fehlten und nur die Haltung der Figuren beschrieben ist. Das probten wir ausgiebig. Mit dem Ergebnis, dass bei den Dreharbeiten oft nur ein einziger Take nötig war.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das Sie als Regisseur inspirierte?
Filmemachen ist für mich ein Ventil für meine Fantasien. Dass man solche Fantasien gezielt steuern kann, erkannte ich erstmals in Luc Bessons «Léon – Der Profi». Ich begriff, wie man den Zuschauer manipulieren kann, indem man einen Film gestaltet. Und ich merkte bezüglich Besson: Dieser Regisseur will, dass ich seinen Profikiller toll finde.

Berner Zeitung

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