Die Sexformel

Kritik

Frauen dürfen Hosen tragen und auch wieder knappe Jupes. Aber «sexen» nach Leibeslust, das geht nicht. Darüber klagt die amerikanische Komödie «What's Your Number?», die eben in den USA angelaufen ist.

  • loading indicator

Die Titelheldin Ally Darling aus «What's Your Number?», gespielt von Anna Faris, liest in einer Frauenzeitschrift mit Erschrecken von einer psychologischen Studie. Die besagt nämlich, dass Frauen, die mit mehr als 20 Männern Geschlechtsverkehr hatten, seltener heiraten. Und zwar nicht, weil sie dieses Lebensmodell als für sich ungeeignet empfänden, sondern schlicht, weil sie keiner mehr wolle. Den Rest des Filmes bemüht sich die Protagonistin darum, der richtigen Nummer 20 zu begegnen.

Während im Orient eine Braut jungfräulich in den Hafen der Ehe einzutreten hat, wurde in der westlichen Hemisphäre – das lässt sich aus der Filmstory ableiten – der Grenzwert freundlicherweise ein bisschen erhöht: «Nicht mehr Männer, als an beiden Händen abgezählt werden können», lautet etwa eine griffige Empfehlung.

Beerensammler und Höhlennostalgiker erklären das mit evolutionsbiologischen Ansätzen, die gerne bemüht werden, wenn es darum geht, unlogisches Verhalten zu entschuldigen. Doch eigentlich wäre der Mensch – wenn er es denn nur wollte – schon längst in der Lage, seinen Verstand auch in horizontalem Zustand einzusetzen.

Die Hure und der Held

Und während Ally sich um ihre Seriosität sorgt, schleppt ihr bester Kumpel jeden Tag eine Neue ab. Aber gilt denn das klassische Huren- und Heldenparadigma überhaupt noch? Ja, werden jetzt wohl einige ob der Ungerechtigkeit empört schnauben. Und möglicherweise liegen sie nicht ganz falsch. Aber auch nicht richtig.

Lisa Wade, Soziologin am Occidental College in Los Angeles, hat in Gesprächen mit jungen Frauen herausgefunden, dass manche sich ihrer Jungfräulichkeit gezielt vor dem College-Eintritt entledigten, um nicht als bieder zu gelten.

Dass sexuell aktive Frauen als Schlampen bezeichnet werden, Männer hingegen nicht, liegt wohl vordergründig daran, dass es keine maskuline Version des viel bemühten S-Wortes gibt. Klar, diese linguistische Eigenart rührt daher, dass der weiblichen Sexualität tatsächlich einmal strikte Schranken gesetzt waren. Trotzdem muss diese Wortlücke nun nicht gefüllt werden. Denn Sprache passt sich immer sozialen Gegebenheiten an und nicht umgekehrt.

Bitte nicht fragen

Seit die Männer Frauen gentlemanlike das Recht auf politische und rechtliche Gleichheit eingeräumt haben, ist die Welt vielleicht noch nicht von Kopf bis Fuss auf Gleichberechtigung eingestellt. Aber anders als noch vor 40, 50 Jahren muss uns das heute herzlich wenig kümmern. Anstatt sich im ewigen Lamento darüber zu verlieren, sollte hier Verantwortung bequem delegiert werden: Männer nehmen Frauen in kurzen Röcken nicht ernst und wollen mit Damen, die einen gewissen Erfahrungswert übersteigen, keine Familie gründen? Ihr Problem, es gibt genügend andere.

Ausserdem: Der Marktwert eines Mannes steigt in den Augen einer Frau auch nicht proportional zu seinen verflossenen Betthäschen. Dass niemand Freudensprünge macht, wenn er erfährt, dass sein Herzblatt bereits in der ganzen Nachbarschaft «noch auf einen Kaffee» mit hochgegangen ist, leuchtet ja irgendwie ein. Das liegt daran, dass wir gerne Exklusivrechte beanspruchen und Einmaligkeit mit Erstmaligkeit gleichsetzen.

Der einfachste Ausweg aus dem Dilemma des Zahlenspiels ist, die müssige Frage «Du Schatz, mit wie vielen hast du denn eigentlich schon?» nicht zu stellen. Die Antwort darauf ist ohnehin ungefähr so zuverlässig wie eine Wahlprognose von Claude Longchamp. Manchmal stimmt sie, manchmal nicht.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt