Der neue Schweizer «Tatort»: Mut zum Übermut

Dani Levys «Tatort» kommt ohne Schnitt aus. Eine Stilübung eher, aber nicht so schlecht, wie sie im Voraus gemacht wurde.

Dani Levy ist der Regisseur der «Tatort»-Folge. Foto: Raisa Durandi

Dani Levy ist der Regisseur der «Tatort»-Folge. Foto: Raisa Durandi

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Der Schweizer «Tatort» von Dani Levy, «Die Musik stirbt zuletzt», besteht aus einer einzigen ungeschnittenen Einstellung. Er ist einer dieser Meta-«Tatorte», um nicht zu sagen: eine dieser «Tatort»-Simulationen, die auf eine dramatische Beseelung von krimineller und kriminalistischer Realität pfeift und alles Talent darauf verwendet, die Form aufzublähen, in diesem Fall zu einer konditionsstarken, gewissermassen leistungssportlichen Theatralität.

So ein Mut zum Übermut hat schon auch etwas Raffiniertes und Bewundernswertes. (Aber dankt es einem jemand? Das deutsche Massenblatt «Bild» hat Levys Folge ja bereits tranchiert zum möglicherweise «schlechtesten Tatort aller Zeiten».) Man ist nun ein bisschen in Verlegenheit. Weil sich, wieder einmal, der Riss zwischen Artistik und Kunst auftut – weit genug, um ein ästhetischer Abgrund zu werden oder mindestens ein Abgründchen.

Wir hatten das, es ist noch nicht lang her, beim deutschen Plan-séquence-Film «Victoria» (2015), an dem sie in Deutschland eine solche Freude hatten, dass von Rausch und Delirium gesprochen wurde und von einer Neuerfindung des Kinos, obwohl nicht einmal die Idee neu war, und von echtzeitlicher Authentizität, dass es vor Echtheitsbegeisterung nur so rauschte.

Es konnte grossen Vorbildern – Hitchcocks «Rope» (1948), diesem Spannungs-Kammerspiel oder Alexander Sokurows «Russian Ark» (2002), diesem Gang durch ein Museum und eine Nationalgeschichte – aber nicht annähernd das Wasser reichen.

Ein Wesenskern Seele

Und so wars jetzt eben etwas grossmäulig von «Bild», deren Enthusiasmus von damals belegt ist, in der Hitze dieses Sommers das Mütchen vorzukühlen am Luzerner «Tatort». «Victoria» (140 Minuten) handelt ja eigentlich nur von der Lust des Regisseurs Sebastian Schipper, auch einmal eine Bank zu überfallen. Während «Die Musik stirbt zuletzt» (90 Minuten) doch einen Wesenskern Seele und Geschichtsbewusstsein hat.

Nämlich so: Da ist dieses argentinische Orchester, das einen Abend lang im KKL Luzern die Musik einiger von den Nazis ermordeter jüdischer Komponisten spielt. Und da ist der reiche Mäzen, der das möglich macht, Walter Loving, eine leise hysterische Mischung aus Todesfurcht und Quicklebendigkeit.

Loving (Hans Hollmann) hat Juden gerettet in der Nazizeit gegen Provision, alle konnte er nicht retten, die Provisionen hat er trotzdem genommen. Die Gier hat ihm die Menschlichkeit verpfuscht seinerzeit, und die Angst, es könnte herauskommen, verpfuscht sie ihm heute. Das wäre eine ernst zu nehmende Variation über das Thema «Verbrechen und Strafe» wert.

Dani Levys Malheur ist der Bewegungsdrang. Dieses Gewese um die Echtzeitmobilität. Dieses kreiselnde L’art pour l’art der Schnittlosigkeit, das hektischer und unechter ist als die heftigst zurechtgeschnittene Kunstzeit. Gönnt nicht auch die Natur dem Auge die Augenblicke von Auswahlfreiheit, mit der die menschliche Wahrnehmung dann die Wirklichkeit «schneidet»?

Fauler Zauber

Diese andauernde, atemlose Demonstration, dass man kann, was man sich vorgenommen hat, à tout prix, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit einer Fiktion am Stilwillen zerschellt (unter dem Aspekt einer durchkomponierten Stilübung betrachtet, ist Filip Zumbrunns Kameraarbeit allerdings fantastisch). Will sagen: Es ist keiner der Figuren ein Moment psychologische Entwicklungsruhe gegönnt.

Das ist der Preis des Kunststücks: eine Dramatik des Vorbeihastens. Fast kommts einem vor, als wüsste Levy das. Als traute er der Authentizität des Echten selber nicht recht. Kurzum, als vermisse er den Schnitt halt doch. Fauler Zauber schliesst dramaturgische Lücken – ins Bild geblendete SMS, was für ein billiger Trick! Eine skurrile Hauptfigur – Sohn des alten Loving (Andri Schenardi) – drängt sich uns wild augenzwinkernd auf als Cicerone durchs «Tatort»-Regelwerk. «Tatort» wird «Tatort»-Kommentar, und aus dem dramatischen Konstrukt sickert die Ironie. Meta eben.

Und da wären dann noch die Ermittler. Liz Ritschard (Delia Mayer) trägt ein lachsfarbenes Abendkleid, es steht ihr gut, Reto Flückiger (Stefan Gubser) trägt ein Trikotleibchen des FC Luzern, und auf dem Rücken steht tatsächlich: Flückiger. Eigentlich ermitteln die gar nicht, sondern hecheln durch die Handlung und den Auftrieb an Statisterie und dürfen manchmal auch etwas sagen, zum Beispiel «Ich glaube ihnen nicht» oder «Verbrechen müssen aufgeklärt werden». Der Rätsel Lösungen fallen ihnen dann zu, jedoch immer zu spät.

Es passt aber alles sehr schön in die Stimmung von Flüchtigkeit und Hast und Tragik. Oder wie der Dichter sagte, als hätte er insbesondere diesen «Tatort» gemeint: «Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen / Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit . . .»

Dani Levys «Tatort»-Folge «Die Musik stirbt zuletzt» läuft am 5. August um 20.05 Uhr auf SRF 1.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2018, 11:38 Uhr

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