Der nächste Bond – eine Frau?

Schauspieler Idris Elba hat diese Woche angeregt, nach dem Aus von Daniel Craig könne James Bond auch von einer Frau verkörpert werden. Was soll das?

Soll sich um die Lizenz zum Töten bewerben: Bollywood-Star Priyanka Chopra. Bild: AP

Soll sich um die Lizenz zum Töten bewerben: Bollywood-Star Priyanka Chopra. Bild: AP

Der Gott ist die Göttin, der nächste Papst könnte Päpstin sein – und Donald Trump liesse sich durch eine aus Mexiko stammende Demokratin ersetzen. Deal? Wir Männer opfern drei unserer Jobs – Gott, Papst und US-Präsident – der Quote. Dafür wird James Bond bitte als eine für immer und ewig maskuline, testosterongesteuert herumdelirierende Fiktion unter Naturschutz gestellt. Der Mann ist Weltkulturerbe.

Und zwar jenseits aller durchkommerzialisierten Fahrzeuge, Gadgets, Martinis und jener nullnullsieben Sekunden vor der Apokalypse ausgeschalteten Schurken schon deshalb, weil er der Mann an sich ist. Fiktion. Nicht nur biologisch, sondern auch als soziales Konstrukt. Als literarische (wohlgemerkt: erfundene, grandios von Ian Fleming erschaffene) und im Kino alle paar Jahre reanimierte Figur. Die man liebt, seit man in der Endphase der Jugend versucht hat, eine dieser irren Verfolgungsszenen von einem glamourösen Sehnsuchtsort in der Karibik in die Provinz zu verlegen, um dort den Fiat Panda zum Aston Martin umzurüsten. Mit Faltdach.

Revolution statt Nachfolge

Die immer wieder aktuelle Idee, wonach der nächste Bond eine Frau sein müsse, Bond, Jane Bond, hat etwas Irregeleitetes. Dr. No und Xenia Onatopp, der Beisser und Rosa Klebb sollten sich dagegen verbünden. Und wo bleibt der MI 6? Spekulationen gibt es, seit das Ausscheiden des amtieren 007-Darstellers Daniel Craig bekannt wurde. Der ist im Agentenranking ganz weit oben zu verorten – in der Sean-Connery-Liga. Aber Craigs neueste Virilitätsversion im Geheimdienst Ihrer Majestät, die nächstes Jahr in die Kinos kommt, beendet leider eine Serie der besten 007-Interpretationen. Dieser spezielle Bond, hart, gleichzeitig verletzlich und auf simple Weise komplex, geht möglicherweise an die Bar, bestimmt aber in Rente. Als Nachfolger wurde eine Zeit lang der schwarze Schauspieler Idris Elba («Luther», «Mandela») gehandelt.

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Der mag aber nicht. Zudem sprach sich Elba gegenüber Variety für eine Revolution aus: «Wollen wir einen anderen Bond-Charakter haben? Es könnte eine schwarze Frau sein oder eine weisse – warum nicht?» Das kann sich auch die «Game of Thrones»-Schauspielerin Emilia Clarke vorstellen. Und Gillian Anderson twitterte ein Bild von sich in Bond-Pose. Auch Bollywood-Star Priyanka Chopra soll sich um die Lizenz zum Töten bewerben. Widerspruch kommt hingegen von Eva Green: «Ich finde, James Bond sollte ein Mann bleiben. Eine Frau macht einfach keinen Sinn.» Als Vesper Lynd war sie im Craig-Erstling «Casino Royale» (2006) die Frau, deretwegen Bond beim MI 6 kündigte.

Trotzdem zeigt allein schon diese Szene – der verliebte Bond, der für eine Frau alle Drinks, Waffen und Autos dieser Welt liegen lässt -, dass der Bond des Kinos immer auch ein Spiegelbild gesellschaftlichen Wandels ist. Insofern liesse sich argumentieren: Wenn Bond zeitgemäss ist, dann ist er auch eine Frau. Denn es wird Zeit, die Männerdomänen als das zu begreifen, was sie sind: Terrains für Männer, Frauen und diverse sonstige Geschlechter. Klingt logisch, ist es aber nicht. Denn erstens hat sich Bond im Kino immer um seinen Kern herum gewandelt. Vom grotesken Machismo in «Dr. No» (1962), dargestellt vom Urbild aller Frauenfantasien, Sean Connery, ist bis zu Daniel Craig – über Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und der unglücklichen Fehlbesetzung George Lazenby – ohnehin nicht viel Eindimensionalität übrig geblieben. Der Kinobond wurde vielschichtiger. Aber er blieb doch ein, ja, sehr männlicher Mann. Bond ist gegenwärtig und zugleich eine Projektion der Vergangenheit.

Sexistisch ist er schon lange nicht mehr

Was zum zweiten Punkt führt: der literarischen Erzählung. Ian Fleming, Sohn eines vermögenden Offiziers und einer für ihre Schönheit bekannten Mutter (die heute natürlich eine vermögende Offizierin wäre, die einen für seine Schönheit bekannten Mann zu sich erhebt), hatte sich Bond ausgedacht, als er selbst heiratete. Später erzählte er: «Ich hatte mich entschlossen, zu heiraten. Aber die Idee, mein Junggesellenleben aufzugeben, machte mich nervös.» So schuf er Bond, der fürderhin all das erleben sollte, wovon sein Schöpfer nur noch heimlich träumte. Der Filmproduzent Harry Saltzman, der einst die Filmrechte von Fleming erwarb, für 100'000 Dollar, beschrieb es so: «Die Männer wollen so sein wie Bond, und die Frauen möchten ihm nahe sein und von ihm verführt werden.»

Gut, das stimmt nur noch zur Hälfte. Frauen sitzen nicht mehr wie Moneypenny 1.0 im Büro herum, um auf ihren Bond zu warten. Eher ist es so, dass sie wie die Moneypenny 4.0 in «Skyfall» Bond, wenn auch aus Versehen, abschiessen. Zudem hatte Bond in Judy Dench als M. lange eine Chefin, die ihm souverän zeigte, wo es langgeht. Einmal sagt sie zu ihm wie zu einem Schüler: «Bond, das mag für eine Waffe auf Beinen schwer zu verstehen sein, aber Arroganz und Selbsterkenntnis gehen nicht oft Hand in Hand.» Ein anderes Mal beschimpft sie ihn als «sexistischen, frauenfeindlichen Dinosaurier».

«Ich kenne ein gutes Restaurant in Karachi, bis zum Abendessen sind wir da.»

Sexistisch ist Bond, der in «Dr. No» eine Frau schlägt, um ihren Geschlechtsgenossinnen später wie Rainer Brüderle mit dirndlhaften Dekolleté-Doofheiten auf die Nerven zu fallen, schon lange nicht mehr. Sexistisch wäre es, eine männliche Literaturform, die zwischen Prototyp und Parodie changiert, aus Gründen eines missverstandenen Proporzdenkens umoperieren zu wollen.

Die Debatte um die erste Jane Bond (ein fataler, weil karikierender, die Frau nicht ernst nehmender Titel) führt nicht zur Geschlechtergerechtigkeit. Bond ist ein Mann, und das ist auch gut so. Es geht eher um einen Nebenkriegsschauplatz. Der aktuelle Drehbuchautor des 25. Bondfilms ist ein Mann. Die Drehbuchautoren sind was? Männer.

Drehbuchautorin Harwood

In der Geschichte der Bondfilme befand sich unter all den Gestaltern nur eine Frau: Johanna Harwood. Sie schrieb in den Sechzigerjahren zwei James-Bond-Filme mit und wurde danach nicht mehr beschäftigt. Bleibt nur noch Barbara Broccoli, die amtierende Produzentin der Bond-Märchenwelt. Sie sagte jetzt im «Guardian»: «Bond wurde als ein Mann geschrieben und ich denke, dass er wahrscheinlich ein Mann bleiben wird. Wir müssen männliche Figuren nicht in Frauen verwandeln.» Allerdings sollte man mehr weibliche Figuren schaffen. Und mehr Schauspielerinnen beschäftigen. Und Regisseurinnen. Wenn die Gestaltungsmacht in der Kinobranche und überall sonst auch endlich (!) gerecht verteilt ist, dann kann Bond auch unangefochten der Held heimlicher Männerträume bleiben.

Natürlich will man als Mann eine Bombe entschärfen, mit dem Flugzeug fast abstürzen, eine hinreissende Frau retten und im Jeep mitten in der Wüste sagen: «Ich kenne ein gutes Restaurant in Karachi, bis zum Abendessen sind wir da.» Es ist eben ein Märchen. Dafür liebt man Märchen. Leben muss man das nicht.

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