Das paradoxe Leben der Velokuriere

Ein Stadtberner Produzent und eine Stadtberner Verleihfirma betreuen mit «Cyclique» ein neues Werk über Lausanner Velokuriere. Ein schönes Beispiel für die kulturelle Zusammenarbeit zwischen den Sprachregionen – und ein noch schönerer Film.

Trailer zum Doku-Film Cyclique. Quelle: youtube.com/<a href="https://www.youtube.com/channel/UCUq78M8OxiIlkGtP8NVENLw" target="_blank">LomotionAG</a>

Das Wort fällt sehr früh im temporeichen Dokumentarfilm «Cyclique»: addictif – süchtig machend. Es ist die Sucht der Velokuriere, unter hohem Zeitdruck rasante Fahrradfahrten durch den Stadtverkehr zu unternehmen; der Kick, eine Sendung in Rekordzeit von A nach B zu liefern und in Windeseile am stockenden vierrädrigen Stadtverkehr vorbeizusausen, oft unter krasser Missachtung der Verkehrsregeln.

Blut, Schweiss und Tränen

Doch da sind noch andere Süchte: Irgendwann geraten Joints und Bierbüchsen ins Bild, die Aussagen der Hauptprotagonisten des Films sind emotional aufgeladen und von schonungsloser Offenheit; Frustration und Selbstzweifel werden laut.

Die Welt der Lausanner Velokuriere scheint aus Blut, Schweiss und Tränen gemacht, vor allem aber basiert sie auf einem Paradox: Die befreienden Fahrten auf den offenen, steilen Strassen täuschen darüber hinweg, dass der knochenharte Job in Wirklichkeit eine Sackgasse fast ohne Aufstiegsmöglichkeiten ist, zumindest auf der Karriereleiter.

Von Lausanne nach Bern

Es ist die in der Stadt Bern ansässige Firma Lomotion AG, die den ersten (fast) abendfüllenden Dokumentarfilm des im Wallis geborenen Regisseurs Frédéric Favre produziert hat, und verliehen wird «Cyclique» schweizweit ebenfalls von einem Berner Unternehmen. Diese intersprachregionale Zusammenarbeit lässt aufhorchen, zumal «Cyclique» gleichzeitig auch Favres Diplomfilm ist, welcher damit den Studiengang als Regisseur an den Westschweizer Schulen Ecal (Kunst, Lausanne) und am Head (Kunst und Design, Genf) beschliesst. Gang und gäbe ist eine solche Zusammenarbeit nicht, wünschenswert hingegen sehr wohl.

Ebenfalls von Lausanne nach Bern verschlagen hat es in der Zwischenzeit einen der Hauptprotagonisten des Films, Raphaël Pfeiffer: Er arbeitet mittlerweile bei den Berner Velokurieren. Wie auch die anderen Kuriere im Film gibt er in «Cyclique» tiefe Einblicke in sein Privatleben und in seine Persönlichkeit, ohne dass dieser Seelenstriptease jemals voyeuristisch wirken würde: Er nimmt an diesem hochemotionalen Projekt mit der gleichen Hingabe und Leidenschaft teil, mit der er auch sein zweirädriges Handwerk der raschen Sendungsübergabe verfolgt. Aus Berner Sicht kann man nun sagen: Mit dem Film ist ein sorgfältig geschnürtes Paket heil angekommen, und es ist wunderbar.

Berner Premiere: Donnerstag um 20.30 Uhr im Kino Kunstmuseum. Der Regisseur und die Protagonisten werden anwesend sein.

Berner Zeitung

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