Das Sprachrohr

Und noch ein Churchill-Film: In «Darkest Hour» schlüpft Gary Oldman in die Rolle des legendären britischen Premierministers. Eine Pathosorgie.

Der offizielle Trailer zu «Darkest Hour». Video: Youtube/Universal Pictures UK


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Es ist zappenduster. Nicht nur draussen in der Welt (wir befinden uns im Jahr 1940), sondern auch drinnen, im Schlafzimmer von Winston Churchill. Erst als sich der massige Mann vor ­seinem Frühstückstablett mit Speck, Eiern und Whisky eine Zigarre anzündet, wird es hell. Und ja, das Königreich braucht eine Lichtgestalt. Als kommender Premierminister soll Churchill Grossbritannien vor Hitlers Wehrmacht retten – und das, obwohl ihn keiner mag.

«Darkest Hour» ist nach «Churchill» bereits die zweite Biografie über den britischen Politiker innert Halbjahresfrist. Und man kann sich fragen, was in die Filmnation England gefahren ist, gleich zwei solche Pathosorgien aufs Kinopublikum loszulassen. Gut, Churchill verstand es bekanntlich, die Bevölkerung mit Durchhalteparolen zu begeistern («Wir werden uns nie ergeben!»).

Aber erstens wirkt das pene­trante Deklamieren in «Darkest Hour» ermüdend, und zweitens fällt Drehbuchautor Anthony McCarten nichts Besseres ein, als den Staatsmann in die U-Bahn zu schicken, um ihn dort den Puls seines Volkes fühlen zu lassen.

Selten überraschend: Gary Oldman als Winston Churchill im Film «Darkest Hour». Foto: Jack English (Focus Features)

Regisseur Joe Wright, der sich mit Kostümdramen à la «Atonement» profilierte, legt mit «Darkest Hour» ein kammerspielartiges Gegenstück zu Christopher Nolans «Dunkirk» vor. Statt eingekesselter Soldaten in Nordfrankreich wie bei Nolan sehen wir hier Politiker in Bunkern, die über ebendiese Soldaten verhandeln.

Die meiste Zeit sinniert man im Kino jedoch über andere Dinge. Zum Beispiel: Wie lange musste ein Klasseschauspieler wie ­Gary Oldman in der Maske sitzen, um derart unkenntlich zu werden? Oder: Sind solche Schwafelbiopics inzwischen nicht die grössere Landplage als die oft gescholtenen Superheldenkisten?

Was «Darkest Hour» fehlt, sind vor allem Überraschungsmomente. Da ist eine junge Sekretärin, die von Churchill zusammengestaucht wird, aber bald zur Vertrauensperson avanciert. Da sind hartnäckige politische Gegner, da ist ein zögerlicher König, und da ist Churchill, dieses körperliche Wrack, das sich zu ungeahnten strategischen Höhenflügen aufschwingt.

Für grosse Gefühle oder Erkenntnisse ist das jedoch zu wenig. Und wenn Churchill gegen Ende drei Reden hintereinander hält, meint man sogar im Gesicht von Gary Oldman einen gewissen Überdruss abzulesen.

«Darkest Hour»: Der Film läuft ab heute im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2018, 08:52 Uhr

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