Das Schweigen der Fische

Auf einer Fischfarm in der Abgeschiedenheit des Berner Jura dreht die Berner Drehbuchautorin und Regisseurin Stefanie Klemm ihren ersten Kinospielfilm. Er basiert auf einem persönlichen Erlebnis.

Wilder-Kommissarin Sarah Spale spielt die alleinerziehende Mutter Judith.

Wilder-Kommissarin Sarah Spale spielt die alleinerziehende Mutter Judith.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Stille. Raubvögel kreisen im stahlblauen Himmel. Die Wiesen sind ein endloses Grün. Auch im einzigen Haus weit und breit herrscht Schweigen. Sarah Spale sitzt vor einem Bett am Boden – in sich gekehrt. Sarah Hostettler kniet sich tröstend zu ihr nieder. Sie sprechen beide kein Wort. Von links scheint etwas Sonnenlicht in das düstere Zimmer. Staubpartikel leuchten auf. Schweigen. 30 Sekunden lang. Eine Minute. Dann: «Danke. Und Schnitt», sagt die Regisseurin.

Sie heisst Stefanie Klemm und dreht hier in der Abgeschiedenheit des Berner Jura ihren ersten langen Spielfilm. «Von Fischen und Menschen» wird er heissen, wenn er voraussichtlich nächstes Jahr in die Schweizer Kinos kommt. Das Budget beträgt rund 1,8 Millionen Franken. Der ­Kanton Bern beteiligt sich mit 30 Prozent. Produziert wird er von der Zürcher Dschoint Ventschr Filmproduktion.

Er handelt von der resoluten, alleinerziehenden Mutter Judith, gespielt von Wilder-Kommissarin Sarah Spale, die eine Fischfarm führt. Zwischen ihr und ihrem Mitarbeiter, dem ehemals drogensüchtigen Gabriel (Matthias Britschgi) entwickelt sich eine Liebesgeschichte. An einer Tankstelle kommt es zur Katastrophe: Bei einem Überfall wird Tochter Milla lebensgefährlich verletzt und stirbt. In ihrer Trauer sucht Judith Halt bei Gabriel und drängt ihn, den Täter ausfindig zu machen – ohne zu wissen, dass Gabriel selber der Schuldige ist. «Von Fischen und Menschen» beginnt mit der Katastrophe und versucht in den 90 Minuten dem einen Satz auf den Grund zu gehen, der in Stefanie Klemms Notizbuch steht: «Wie können wir in der tiefsten Krise menschlich bleiben?»

Der Überfall

Stefanie Klemm ist gebürtige Deutsche, im Kanton Bern aufgewachsen und wohnt seit Jahren in der Stadt Bern. Sie hat Germanistik und Psychologie studiert, war leidenschaftliche Tänzerin. Über dieses Hobby ist sie zum bewegten Bild gekommen: indem sie Tanzvideos drehte. Später war sie Auftragsfilmerin, hat etwa für das Tiefbauamt des Kantons Bern die Langzeitdokumentation der Grossbaustelle am Wankdorfplatz 2008 bis 2012 gedreht. Dazu viele weitere kürzere Kunst- und Tanzfilme, die an Festivals im In- und Ausland gezeigt wurden. Nach autodidaktischen Wanderjahren hat sie an der Hochschule der Künste in Zürich den Master in Regie und Drehbuch erlangt.

Eigentlich wäre Klemm noch mit einem anderen, einem in der nahen Zukunft spielenden, Film, beschäftigt. Aber «Von Fischen und Menschen» muss ihr erster Langfilm sein. Diese Geschichte trägt sie schon zehn Jahre mit sich herum. So lange ist es her, dass sie selber überfallen worden ist: an einer Tankstelle in Frankreich. Sie hatte lange mit diesem Erlebnis zu kämpfen. Dieses Filmprojekt ist eine Art Verarbeitung des Erlebten. Wie bleibt man angesichts eines solchen Erlebnisses empfindsam, ja verletzlich? Einsamkeit, eine unvorstellbare Wut, die innere Abgeschiedenheit eines Menschen und mögliche Auswege daraus: Das sind die eigentlichen Themen des Films.

Der ideale Ort

Eine bessere Kulisse als das Dorf Seehof im Berner Jura hätte es deshalb nicht geben können. Die Bauernhäuser liegen weit verstreut zwischen den Hängen, in denen morgens der Nebel kleben bleibt. Der Lärm der Welt fehlt hier noch. Unlängst hat die Swisscom auf Bitte der Filmcrew gar einen Sendemast frühzeitig fertiggestellt, damit es überhaupt Handyempfang gibt. Seit Anfang August sind zu den 74 Einwohnern der Gemeinde noch rund 40 Filmcrewmitglieder dazugekommen. Gedreht wurde neben der Fischfarm auch in einem verlassenen Haus, am Markttag in Delsberg, während der Foire de Chaindon in Reconvilier. Diese Woche folgen noch Drehtage in Biel.

Lange habe sie nach dem richtigen Ort gesucht, sagt Stefanie Klemm. Die wenigen Fischfarmen, die es noch gibt, waren ihr jedoch meist zu industriell geprägt oder zu gross, als dass eine Mutter sie allein hätte führen können. So ist sie dann in Seehof gelandet. Dass die Protagonistin auf einer Fischfarm arbeitet, war für die Regisseurin unabdingbar: Der Fisch symbolisiert die Sprachlosigkeit. Der Weg aus jeder Krise beginnt für Klemm mit der Kommunikation.

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