Bruce Springsteen kommt aus Pakistan

In der Komödie «Blinded by the Light» liebt ein Pakistaner in England die Springsteen-Songs.

Der Trailer von «Blinded by the Light». Video: Warner Brothers
Jean-Martin Büttner@Jemab

Das Versprechen klingt wie eine Drohung: «Gedreht nach einer wahren Begebenheit.» Wahr ist daran selten mehr als die Behauptung, vielmehr drohen Behübschung und Sentimentalität. In «Blinded by the Light» gefällt aber schon mal die Ausgangslage: Der 16-jährige Javed (Viveik Kalra), Sohn eines strengen pakistanischen Vaters und einer schwer arbeitenden Mutter, wächst während der Thatcher-Jahre mit seinen Geschwistern in der Provinzstadt Luton auf. Luton, das Niederbipp Englands, kennen die meisten wegen seines Flughafens in der Nähe von London. Mehr braucht man von Luton nicht zu wissen.

In der Schule kommt Javed mit der Musik von Bruce Springsteen in Kontakt; der indische Mitschüler Roops, der sein Freund wird, hat ihm Kassetten ausgeliehen. Javed kann nicht glauben, dass ein singender Amerikaner ihm etwas über sein Pakistani-in-England-Dasein erzählen kann. Er ist von Springsteens Stücken überwältigt – der Musik, der Stimme, den Texten.

Wenn Springsteen über die Arbeit singt, die er hasst, über die Leute um ihn herum, die ihn nicht verstehen, über seinen Wunsch, der Enge der Normalität zu entkommen, erkennt sich Javed wieder. In der Trostlosigkeit von Luton, bedrückt durch die Armut der Familie und den täglichen Aggressionen der rechtsextremen National Front, findet der schüchterne Junge zu seiner Identität, indem er sich eine fremde aneignet.

Achtung, Kitsch

Aus dieser Kombination von Kontrasten – ein amerikanischer Held, ein pakistanischer Verlierer und sein überstrenger Vater in einer englischen Kleinstadt – bezieht der Film Energie, Dramatik und Humor. Zwischendurch trüben Kitsch und Pathos die Sicht. Ein paar musicalhafte Szenen bestätigen, was der Regisseurin Gurinder Chadha schon mit «Bride and Prejudice» passierte, dass sie das Musicalgenre nicht beherrscht, dass sie die Gefühle banalisiert.

Dass sich Gurinder Chadha mit den Problemen junger Asiaten in England so gut auskennt, ergibt sich aus ihrer Biografie. Chadha wurde 1960 in Nairobi geboren, ihre Familie gehörte zur indischen Diaspora. Schon als Zweijährige kam sie nach England und wuchs in der Londoner Vorstadt Southall auf. Mit der Komödie «Bend it Like Beckham» wurde sie berühmt, der Film über eine indische, fussballspielende junge Frau variiert das zentrale Thema der Regisseurin: Die Identitätsdiffusion junger Inder in England zwischen unvereinbaren Kulturen.

Javed inspiriert sich an einem amerikanischen Musiker, der ihn auffordert, sich selber zu sein.

In «Blinded by the Light» wird das Thema exemplarisch dekliniert, in einer Komödie zwar, die aber die Enge jener Zeit und die rechtsextreme Bedrohung nicht weglächelt. Javeds Familie bleibt arm, der Sohn gibt jedes verdiente Pfund dem Vater ab. Dieser ist stolz und intelligent, muss aber in der Autofabrik Vauxhall subalterne Arbeiten erledigen. Als er seine Stelle verliert, verbittert er noch mehr, und auch das bekommen seine Frau und Kinder zu spüren.

Javed leidet unter dieser Strenge, traut sich aber kein Aufbegehren; er zieht lieber den Kopfhörer seines Walkmans über und träumt sich in die Freiheiten, von denen Bruce Springsteen singt. Erst mit der Zeit wird ihm bewusst, in welchem Widerspruch er lebt. Er inspiriert sich an einem amerikanischen Musiker, der ihn in seinen Songs auffordert, sich selber zu sein.

Er sah ihn über 150-mal

Chadha drehte «Blinded by the Light» nach der Autobiografie des Journalisten Sarfraz Manzoor, eine lesenswerte Erinnerung an das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen in den Thatcher-Jahren. Manzoor hat auch das Drehbuch mitgeschrieben, und er garantiert eine realistische, bei allem Komödiantischen glaubwürdige Grundlage. Chadhas Film drückt am besten aus, was seine Hauptfigur am stärksten empfindet: die Kraft von Springsteens Liedern, ihre Vitalität und Melancholie.

Bruce Springsteen gab seine Songs für den Film frei, sobald er das Drehbuch gelesen hatte. Sarfraz Manzoor, der das Buch geschrieben hat, hat Springsteen schon über 150-mal gesehen. Als Kind hätte er sich das niemals vorstellen können. Inzwischen sind die beiden sogar miteinander bekannt. Welcher Fan kann das schon sagen?

Ab 22. August in den Kinos.

Sarfraz Manzoor: «Greetings from Bury Park», Bloomsbury 2019.

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