Aus Ambition wird Obsession

In «Whiplash» trifft ein ehrgeiziger Schlagzeuger auf einen sadistischen Bandleader. Beide haben das gleiche grosse Ziel. Das ist verheerend. Und verdammt gut.

Ihr ständiges Aufeinanderprallen ist die Essenz des Films: Milles Teller als Student Andrew  und J.K.Simmons als Bandleader Terence Fletcher.

Ihr ständiges Aufeinanderprallen ist die Essenz des Films: Milles Teller als Student Andrew und J.K.Simmons als Bandleader Terence Fletcher.

(Bild: zvg)

Damien Chazelle hat als Teenager einsehen müssen, dass sein Talent nicht reichen würde, um als Jazzschlagzeuger einer der ganz Grossen zu werden. Mittlerweile ist der ambitionierte Amerikaner 30 Jahre alt und Regisseur; sein erst zweiter Spielfilm ist in fünf Kategorien für einen Oscar nominiert, darunter für den Besten Film. In «Whiplash», so heisst das Werk, geht es um einen Teenager, der als Jazzschlagzeuger einer der ganz Grossen werden will.

Der Film heisst so, weil der Jazzmusiker Hank Levy im Jahr 1973 einen Song mit diesem Titel geschrieben hat – und weil «whiplash» übersetzt Peitschenhieb bedeutet. Jazz und Peitschenhiebe, treffender könnte das Geschehen in zwei Wörtern nicht zusammengefasst sein.

Man muss kein Jazzfreund sein, um grossen Gefallen zu finden an diesen 107 Minuten, die sich ebenso radikal aufs Wesentliche konzentrieren, wie das der Protagonist im Film tut; Milles Teller als Andrew am Schlagzeug, ein Student am New Yorker Konservatorium Shaffer, der besten Musikschule des Landes, der sich in seiner grenzenlosen Ambition gerne die Finger blutig musiziert. Der keine Freunde hat und keine braucht, der seine Freundin verlässt, weil die ihn ja ablenken könnte auf dem Weg zur eigenen Grossartigkeit. Als Andrew auf Terence Fletcher (J.K.Simmons) trifft – und dieses ständige heftige Aufeinanderprallen ist die Essenz des Films –, wird aus Ambition bald Obsession. Fletcher ist Bandleader an der Shaffer-Schule und, man kann es nicht anders sagen, ein charismatisches Arschloch.

Bis an die Grenzen

Fletcher sagt das F-Wort häufiger als ein cholerischer Hockeycoach, in den Bandproben zelebriert er die mentale Brutalität, passiert regelmässig die Grenzen zur physischen. «Dirigieren», sagt er einmal, «kann jeder Idiot. Ich sorge dafür, dass die Leute an ihre Grenzen gehen.» Und weil er von Andrew besonders viel hält, kommt der besonders unter die Räder. Bis zum finalen Paukenschlag.

«Whiplash» ist die filmische Neuübersetzung einer alten Phrase – was dich nicht tötet, macht dich stärker. Und wo Phrasen bemüht werden, lauern die Klischeefallen allenthalben. Regisseur Chazelle tappt zwar in einige, etwa in der Szene am Familientisch, wo der Zuseher erfahren soll, wieso Andrew derart auf Anerkennung aus ist; die Eltern interessieren sich etwas gar offensichtlich mehr für die Footballspiele des Bruders.

Resolut und intensiv

Doch die kleinen Schwächen bleiben harmlos im Vergleich zur grossen Qualität: die Resolutheit und Intensität, in welcher die simple Geschichte vorgetragen wird. Verkörpert einerseits durch Andrews Wahn am Schlagzeug, andererseits und vor allem durch den Auftritt von J.K.Simmons. Ein Auftritt, der dem 60-Jährigen im 49.Film seiner Karriere die erste Oscarnominierung eingebracht hat, als bester Nebendarsteller. Manche warten länger als Chazelle.

«Whiplash»: ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung

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