Im Vorhof zum Konsumparadies

Das Kunstmuseum Bern zeigt mit der Ausstellung «Ohne Verfallsdatum. Schenkung und Leihgaben der Sammlung Migros Aare» Malerei, Skulpturen, Fotografie und Videoarbeiten von Berner Kunstschaffenden.

Warten auf Godot im digitalen Zeitalter: Quynh Dongs «My Second Paradise», 2013, Full-HD-Video.

Warten auf Godot im digitalen Zeitalter: Quynh Dongs «My Second Paradise», 2013, Full-HD-Video.

(Bild: Kunstsammlung Migros Aare)

Helen Lagger@FuxHelen

Bunt blinkende quadratische Flächen lassen an einen Dancefloor in einem Nachtclub der 70er-Jahre denken. Doch hier wird nicht getanzt, sondern gewartet. Zwei asiatische Herren in Anzügen stehen wie bestellt und nicht abgeholt im Raum, ohne dass sie einander wahrzunehmen scheinen. Chorale Musik begleitet die Szene, die acht Minuten dauert.

Die Videoarbeit «My Second Paradise» (2013) von Quynh Dong ist von Samuel Becketts Theaterstück «Warten auf Godot» inspiriert. Statt eines Baumes symbolisiert im Video der Berner Künstlerin ein Stuhl – der unbenutzt bleibt – die Hoffnung. Die beiden Protagonisten sind Migranten, die Dong in einem Kirchenchor während eines Aufenthalts in New York getroffen hat.

Die frisch in Amerika Angekommenen erzählten der Künstlerin von ihren märchenhaften Vorstellungen eines raschen Aufstiegs. Sind sie im Vorhof zum Konsumparadies? «Mich hat der Zustand interessiert, in dem sich die beiden befanden», erklärt Dong, die selbst vor dreissig Jahren als Achtjährige von Vietnam in die Schweiz migrierte.

Ihre Arbeit ist Teil der aktuellen Ausstellung «Ohne Verfallsdatum. Schenkung und Leihgaben der Sammlung Migros Aare» im Kunstmuseum Bern. Die Genossenschaft Migros Aare hat seit den 60er-Jahren eine Kunstsammlung mit Werken von regionalen Kunstschaffenden aufgebaut.

2005 gingen die Werke an das Kunstmuseum. Die Kuratorinnen Eva Bigler, Sarah Merten und Claudia Spinelli zeigen nun erstmals einen Überblick und haben dabei sowohl Werke aus dem Schenkungsbestand als auch neu von der Migros Aare getätigte Erwerbungen berücksichtigt. Zwischen 1987 und 1997 hatte sogar der ehemalige Kunsthalle-Direktor Ulrich Loock im Auftrag der Migros gesammelt.

Verhältnis der Geschlechter

In der Ausstellung treffen verschiedene Generationen und Medien aufeinander. Malerei, Fotografie, Videoarbeiten und Skulpturen ergeben einen facettenreichen Parcours. Auch das Verhältnis der Geschlechter spiegelt die sich wandelnde Sammlungspolitik wider. Am Anfang waren von 21 in der Sammlung vertretenen Kunstschaffenden gerade einmal 4 weiblich. Das hat sich zum Glück gewandelt.

Eine als Triptychon konzipierte Videoarbeit von Victorine Müller, in der die Performancekünstlerin als nackter Naturgeist durch eine Landschaft hüpft, haben die Ausstellungsmacherinnen einer erhabenen Berglandschaft des 2010 verstorbenen Fotografen Balthasar Burkhard gegenübergestellt. Zwischen Künstlichkeit und Natur oszillieren die Fotoarbeiten von Marianne Engel. Ein in der Nacht im Wald aufgenommener Fliegenpilz wirkt wie ein Leuchtturm aus dem Märchenland.

Geschenk ohne Haken

Museumsdirektorin Nina Zimmer sieht in «Ohne Verfallsdatum» einen «herrlich lakonischen Titel». Wenn man die Kategorien «Produkte», «Frische» und «Präsentation im Supermarkt» auf die Welt der Kunst übersetze, ergäben sich erstaunliche Parallelen. Als Erkennungsbild der Ausstellung wurde mit «Migros grün» (2008) ein voller Einkaufswagen ausgewählt, den die Künstlerin Pat Noser aus der Vogelperspektive gemalt hat.

Natürlich handelt es sich nicht um eine Auftragsarbeit der Migros, sondern eher um eine Bestandesaufnahme unseres Konsumverhaltens. Wie verpflichtend ist so eine Schenkung? Nina Zimmer spricht von einem Geschenk ohne Haken. «Es gibt keine Auflagen.» Das Kunstmuseum sei kein Schaufenster für Firmensammlungen.

Märchenhaft: Marianne Engels «Fliegenpilz 7», 2006. Bild: Kunstsammlung Migros Aare

Das war nicht immer so. Das Museum sorgte unter Leitung von Matthias Frehner 2012 für Negativschlagzeilen, als die Firma Holcim mit «Industrious» Gratiswerbung erhielt. Zu ihrem Vorgänger will sich Zimmer nicht äussern. Betont aber: «Wir schätzen die Werte und das regionale und nachhaltige Engagement der Migros.» Ausstellung bis 15. September www.kunstmuseumbern.ch

Berner Zeitung

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