Frisch zu Besuch bei Wolf Biermann

Serie

Am 20. Januar erscheint Max Frischs «Berliner Journal» aus den Jahren 1973/74. Unser heutiger Auszug führt den Autor nach Ostberlin.

Wolf Biermann, nicht 1973 in Ostberlin, sondern bei einem Konzert in der Schweiz 1983 nach seiner Ausbürgerung.

Wolf Biermann, nicht 1973 in Ostberlin, sondern bei einem Konzert in der Schweiz 1983 nach seiner Ausbürgerung.

(Bild: Keystone)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Anfang 1973 zog Max Frisch mit seiner zweiten Frau Marianne nach Berlin und begann ein neues Tagebuch. Nach langer Sperrfrist erscheint es kommende Woche im Suhrkamp-Verlag.

Während seiner Berliner Monate fuhr Frisch mehrfach in den Ostteil der Stadt und traf sich mit offiziellen Kulturvertretern des SED-Regimes, aber auch mit kritischen Kollegen. Unser heutiger Auszug schildert den Besuch beim Liedermacher Wolf Biermann, der im Land zugleich ungeheuer populär und verfemt war. In seiner Wohnung in der Chausseestrasse trafen sich dissidente Geister. Frisch wohnt einem solchen Treffen bei und registriert aufmerksam die Offenheit der Gespräche, aber auch die andere, geduldigere Gesprächsführung. Es ist die Rede von Repressalien, die die Dissidenten treffen – die eigentlichen, aufrichtigen Kommunisten, im Gegensatz zu den Kulturfunktionären. Frisch zitiert einige Liedzeilen von Biermann und erweist sich so als Kenner von dessen Werk.

Wenige Jahre später sollte Biermann nach einem Auftritt im Westen ausgebürgert werden; dagegen protestierten etliche Schriftsteller und Künstler der DDR mit einer öffentlichen Erklärung, was für sie schwere berufliche Nachteile zur Folge hatte. Diese «Biermann-Affäre» 1976 ff. war der grösste kulturpolitische Aufruhr vor dem Ende der DDR.

18.5. Gestern bei Wolf Biermann. Vorher mit M. auf dem Hugenotten Friedhof, Brecht-Grab und die andern, Mai zwischen dunklem Klinker von Mauern, Brandmauern, Hinterhöfen in schöner Verwilderung grün und eine andere Stille als auf der ziemlich stillen Chaussee Strasse draussen.

Biermann hat zwei gute Räume, viel an den Wänden, Fotos vom Vater (Haft-Foto) bis Lenin, Poster, Texte, Malerei von Freunden, Drucke, ein Che Guevara auch, Einstein mit der Zunge. Ein kleines Billard. Ledersessel, alt und dunkel, ein Grandlit, daneben die diversen Bandgeräte; ein Studio zum Leben. Keine Inszenierung, glaubwürdig als Kruste einer lebendigen Person, einer vorerst stillen Person. Im Lauf einer Stunde kommen dazu: der junge Jürgen Rennert, Böttcher, ein Maler und Dokumentarfilmer, ein Physiker, Freunde von Biermann. Seine jetzige Gefährtin, Grafikerin bei VOLK UND WELT, vorgestern entlassen: weil sie mit Biermann lebt. Und eine Serie solcher Geschichten; Rennert erzählt seine Erfahrungen mit dem Schriftstellerverband, Biermann von einer Sitzung des PEN-Clubs; kein Lamento, wenn sie berichten, «gleichgültig wer uns jetzt abhört», sagt einer und unterschlägt keinen Namen. Auch wenn ich schon etliches weiss, doch die Verwunderung jedesmal, wie sie unter dieser Repression leben. Eine andere Repression als bei uns. Jeder kann hier jeden fällen. So viel Charakter, um ihn in einem solchen Betrieb nicht zu verlieren, hat der Mensch von Natur nicht. «Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.»

Die Figuren wie Kant, Strittmatter u. a., die undurchschaubare Mischung von Kumpelhaftigkeit und Pfaffentum. «Nicht das Leben steht auf dem Spiele, euer Wohlleben ja nur.» Alle hier sind Kommunisten, aber die glaubwürdigen; im Gegensatz zu den Duckmäusern in Amt und Ehren: Revolutionäre. Dies ohne rhetorisches Pathos, lebendig, noch als die Beschissenen wirken sie freudiger, dabei völlig unromantisch, verglichen mit unseren Linken. Die andere Art des Gesprächs; Böttcher erzählt eine halbe Stunde lang allein, der junge Rennert fast eine Stunde lang, kein Zwischenquatschen, sie bleiben am Thema und konkret. Ich selber habe in sieben Stunden nicht viele Sätze gesagt, einiges gefragt, nichts erzählt; wie man an einem Krankenbett sitzt oder in einer Werkstatt steht: Zuhörer.

Aus: Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Herausgegeben von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser. Suhrkamp, Berlin 2014. 235 S., ca. 30 Fr.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt