«Yes, Sir! Du bist eine Maschine!»

In der TV-Show «Ninja Warrior Switzerland» rackern sich Fitnessfanatiker in einem Parcours ab. Die eigentliche Attraktion ist aber der grenzdebile Livekommentar.

«Muskelstärke, Sprungkraft: Fokus auf das Wesentliche» lautet das Motto der Sendung «Ninja Warrior Switzerland».

Philippe Zweifel@delabass

Bereits die Ankündigung spart nicht mit Aufgeregtheit. «Die härteste Show der Welt! Endlich in der Schweiz!», posaunt eine Männerstimme, als die Kandidaten der TV-Show «Ninja Warrior Switzerland» ins Hallenstadion einlaufen, wo ein gigantischer Hindernisparcours aufgestellt ist. Durch diesen müssen sie sich hangeln, katapultieren und schwingen. «Muskelstärke, Sprungkraft: Fokus auf das Wesentliche», raunt die Offstimme und verspricht dem Gewinner 100’000 Franken Preisgeld.

160 Kandidaten treten insgesamt an, in der Vorrunde an diesem Abend sind es 32. Den Anfang macht Jan Gudde, ein Model und Oberleutnant aus dem Emmental. Die Moderatoren, die live aus der Halle berichten, sind zum ersten Mal aus dem Häuschen. «Schaut, seine Muskeln! Diese Kämpfernatur! Kein Wunder, ist er im Militär Offizier!» Allein, es nützt alles nichts. Jan stürzt an der Steckwand in den Wassergraben. Auf ihn folgen ein Martial-Arts-Kämpfer und ein Canyon-Guide. Auch sie plumpsen ins Wasser. Frauen machen auch ein paar mit, aber sie sind chancenlos.

Dann Hufi, Elektromonteur und freiwilliger Feuerwehrmann. «Yes, Sir! Wie die Muskelpartien schaffen! Du bist eine Maschine!» Und jawoll, Hufi packts. «Ein unglaublicher Durchhaltewille», sagt einer der Moderatoren, «auch in der Liebe – Hufi ist seit 14 mit der gleichen Frau zusammen!» Kameraschwenk auf die Frau, die vor Freude gumpt.

Der Kommentar der Moderatoren spiegelt das Konzept der Show: eine Mischung aus Bewunderung und Schadenfreude, der man sich tatsächlich schwer entziehen kann – zumindest, wenn ein Kandidat bereits nach zwei Metern völlig übermotiviert daneben tritt und in den Wassergraben stürzt. Auch ein nasser Kandidat ist ein guter Kandidat. Vielleicht sogar noch der bessere.

Schwitzen statt singen

Ganz neu ist das Konzept allerdings nicht. Der japanische Tausendsassa Takeshi Kitano, Komödiant und prämierter Arthouse-Regisseur, hats bereits in den 90er-Jahren erfunden. In «Takeshi’s Castle» mussten Kandidaten ein Schloss erobern, in dem Takeshi fläzte und zusah, wie die Teilnehmer auf Hochseilen mit Bällen beschossen wurden oder sich als menschliche Bowlingkugeln zum Affen machten. Die Show bot mindestens so viel Dada wie Action.

Weil der infantil-absurde Humor der Japaner im Westen höchstens von bekifften Studenten geschätzt wurde, die am Nachmittag für «Takeshi’s Castle» die Vorlesungen schwänzten, war der Show aber kein abendfüllender Erfolg beschieden. Doch die Programmdirektoren wussten sich mit humorfreien Formaten wie der «100’000-Mark-Show» oder «Der Krypton-Faktor» zu helfen, bei denen die Kandidaten Sport- und Denksportaufgaben absolvieren mussten.

Dann kam das goldene Zeitalter der Casting- und Realityshows. Statt geschwitzt wurde gesungen. Inzwischen haben sich auch die Talentshows abgenutzt, und in einer Zeit, in der viele das Yoga-Outfit rund um die Uhr tragen, ist es kein Zufall, dass die Parkour-Shows zurück sind – ohne Denksport oder Slapstick. Neben der «Ninja Warrior»-Franchise ist «Ultimate Beastmaster» auf Netflix erfolgreich.

Es ist paradox: Arbeit, Krieg und Fortpflanzung funktionieren zunehmend ohne Körpereinsatz. Und hier am Fernsehen rackern sich die Kandidaten an Recken und Seilen ab. Ist die Bezwingung des eigenen Körpers eine Ersatz-Challenge? Dazu passt der Trend, dass wer heute jung ist, nicht mehr nur schlank sein muss, sondern auch sportlich und muskulös. Millionen von Instagram-Fotos zeugen davon.

Jede Gesellschaft hat die TV-Shows, die sie verdient. Trotzdem eine Bitte an die Macher: Vielleicht könnte man zwischen den Reckübungen eine klassische Takeshi-Disziplin einbauen. Zum Beispiel «die menschliche Flipperkugel». Das wäre, um es mit den Moderatoren zu sagen, «ganz grosses Ninja, wo man beissen muss wie ein richtiger Indianer!».

«Ninja Warrior Switzerland», jeweils am Dienstag, um 20.15 Uhr, auf TV24.

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