«Wir sterben alle. Das ist ein Scheiss»

Die Zürcher Regisseurin und Autorin Güzin Kar hat eine eigene Fernsehserie am Start. Ehe «Seitentriebe» Premiere feiert, haben wir uns mit ­ihr über Social Media, Sexismus und Happy Ends unterhalten.

«Das Ideal der romantischen Liebe schafft Druck»: Serienmacherin Güzin Kar.

«Das Ideal der romantischen Liebe schafft Druck»: Serienmacherin Güzin Kar. Bild: Silvan Fessler / Ex-Press

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Frau Kar, was ist Ihnen sympathischer: ein Stammtisch oder Social Media?
Güzin Kar: Der traditionelle Stammtisch wurde durch Twitter oder Facebook ersetzt. Das Problem ist, dass dieser öffentlich, oder zumindest halb öffentlich ist. Darum braucht es weiterhin geschützte Räume, in denen Menschen einfach mal drauflossprechen können, ohne dass ihre Aussagen gleich an die grosse Glocke gehängt werden. Ich bin nicht kulturpessimistisch, aber es hat auch Nachteile, wenn online das Gegenüber fehlt. Es geht öfters vergessen, dass die Worte jemanden treffen.

Sie sind auf Twitter sehr präsent und teilen gegen rechte Stimmungsmacher aus.
Klar, auf Twitter herrscht ein rauer Ton. Aber manchmal kann ich mit einem Dreh, auch einem humoristischen, neuen Wind in eine aussichtslose Diskussion bringen. Ich halte viele dieser Social-Media-Debatten für aussichtslos. Es wäre vermessen, zu glauben, dass man Meinungen einfach umkehren und etwas ins Rollen bringen kann.

Die Kampagne #MeToo hat ­etwas ins Rollen gebracht.
Da ist aus der privaten Empörung der Einzelnen eine öffentliche, kollektive gewachsen.

Warum stiess die Sexismus­kampagne gerade jetzt auf ­offene Ohren?
Der US-Journalist Ronan Farrow hat mit seinem Artikel über die sexuellen Übergriffe durch den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein vieles ins Rollen gebracht. Farrow selbst findet es tragisch, dass den Frauen erst nach einem Artikel von einem Mann Gehör geschenkt wurde. Zudem war es keine spontane ­Aktion: Da wurde viel Hintergrundarbeit von den betroffenen Frauen geleistet. Feministische Arbeit ist nicht glamourös.

«Der ganz alltäg­liche Sexismus ist der Nährboden für gröbere Übergriffe. Wir sollten unbedingt eine Kultur des Ernstnehmens pflegen.»

Sofort wurde von einer Hexenjagd gesprochen. Frauen wird vorgeworfen, mit Bagatellfällen Aufmerksamkeit bloss zu er­haschen.
Natürlich wurde zum Teil übers Ziel hinausgeschossen. Aber wir sind als Gesellschaft doch fähig, die einzelnen Aussagen zu gewichten und zu schauen, wo Handlungsbedarf besteht. Es wurden wohl viele überrascht von der Menge an Wortmeldungen – gerade aus dem eigenen Umfeld. Der ganz alltägliche ­Sexismus ist der Nährboden für gröbere Übergriffe. Darum sollten wir unbedingt eine Kultur des Ernstnehmens pflegen.

Gibt es Sexismus in der Schweizer Filmszene?
Das soziale Netz funktioniert einigermassen. Aber ich musste mich auch schon für Schauspielerinnen einsetzen, die sexistisch angegangen wurden, als sie halb nackt drehten. Da sagte ich: «Stopp, so etwas findet auf meinem Set nicht statt!» Die Schauspielerinnen und Schauspieler müssen sich sicher fühlen. Genauso wie Teammitglieder.

In öffentlichen Debatten ist der Tonfall oft harsch. Wie grenzen Sie sich ab?
Ich gebe nicht viel Privates von mir preis. Wobei: Eine Haltung zu zeigen, ist schon auch persönlich, wenn auch nicht privat. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass ich oft angegriffen werde. Ich halte Anstandsregeln ein, die ich auch sonst im Leben pflege. Ausserdem bin ich gar nicht so oft ­online, wie es vielleicht scheint, sonst käme ich ja nicht zum Arbeiten. Am Ende muss man ­seine Arbeit machen, allein das zählt.

Sie haben sich unlängst auf Twitter geärgert, dass Sie selten als Regisseurin bezeichnet ­werden.
Viele denken wohl: Sie schreibt Kolumnen und Drehbücher, wann will sie da noch Filme machen? Wir Frauen werden gern in die schreibenden Berufe verbannt. In Hollywood gab es immer schon viele Drehbuchautorinnen, aber Kamera und Regie sind traditionell in Männerhand.

Gibt es überhaupt eine männ­liche oder eine weibliche Art des Filmemachens?
Die Filme selber sind abhängig vom eigenen Stil und von der Persönlichkeit. Aber ich meine, es gibt Unterschiede hinter der Kamera. Bei Männern herrscht teils ein schrofferer Ton am Set vor. Meine Kollegen werden jetzt sagen: Das stimmt doch nicht! Aber es ist eine Tendenz. Vor allem an einem grossen Set mit vielen Statisten erlebe ich es häufig, dass ein Regisseur das ganze Umfeld zusammenbrüllt. Es gehört halt zu unserem Bild vom exzent­rischen Regisseur ein bisschen dazu. Und wenn ein Film rauskommt, posaunen Regisseure oft heraus: «Das ist ein grandioser Film!» Tut dies eine Frau, heisst es schnell, sie überschätze sich.

Aber Sie sind nicht auf den Mund gefallen!
Ich gelte nicht gerade als eine, die besonders leise ist (lacht). Aber was ich wirklich nicht mache, ist rumlaufen und sagen: «Ich habe die geilste Serie der Welt gemacht.»

Auch nicht bei Ihrer neuen SRF-Serie «Seitentriebe»?
Es gibt sehr viele tolle Produktionen. Serien sind keine Miss-Schweiz-Wahlen, es gibt nicht die «Beste». Aber wir haben das Bestmögliche herausgeholt.

Es geht um drei Paare mittleren und fortgeschrittenen Alters und darum, wie sie mit Sexua­lität umgehen. Was hat Sie am Thema gereizt?
Die Idee keimte schon lange: Eine gute Freundin führte eine stabile Beziehung, sprach aber schon vor Jahren mit mir über ihre Sehnsüchte nach anderen Partnern. Das hat mich sehr fasziniert. Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft die romantische Liebe idealisiert, setzt die Menschen unter Druck.

Sie sind also kein Fan von ­romantischen Komödien?
An der Filmschule wurde mir damals als Frau ans Herz gelegt, romantische Komödien zu drehen. Aber ich mochte sie noch nie. Ich mag andere Komödien und zudem düstere Sachen und Mystery.

Gibt es kein Happy End für alle?
Das kann gar nicht funktionieren! Die Partner sollen sich nicht nur die besten Liebhaber, sondern auch noch die besten Freunde sein, ständig zusammen lachen oder Sex haben. Wie bitte soll ein Paar mit zwei kleinen Kindern Sex haben? (lacht) Ich habe in der Vorbereitungsphase zu «Seitentriebe» mit vielen unterschiedlichen Menschen gesprochen und war erstaunt, dass sich viele dafür schämen, nur noch wenig oder gar keinen Sex mehr mit ihrem Partner zu haben. Einige wenige fanden den Sex besser als am Anfang, die meisten aber schleppen ein schlechtes Gewissen mit sich rum. Menschen, die es eigentlich gut zusammen haben! Ich dachte mir: Es gibt etliche Filme und Serien übers Kennenlernen, ich will erzählen, was danach geschieht.

Haben Sie eine melancholische Ader?
Klar, Melancholie ist die Grundmelodie des Lebens. Wir sterben alle, das ist ein Scheiss.

«Seitentriebe» ist seit 2006 Ihre erste Fernseharbeit. Wie wichtig ist Ihnen das Medium?
Ich liebte Fernsehen schon immer und habe nie verstanden, warum das Medium von Intellektuellen oft schlechtgeredet wird. Bücherlesen gilt automatisch als gut, dabei wird so viel Müll publiziert. Aber das soll auch sein.

Warum?
Ob Bücher, Serien, Filme: Es braucht viel Unausgegorenes, Ausprobiertes, Halbfertiges, damit darauf Gutes wachsen kann.

Serie «Seitentriebe»: Premiere am 27. 1. an den Solothurner Filmtagen. Ab 26. 2. laufen die acht Episoden auf SRF 2. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.01.2018, 14:32 Uhr

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