Wieso der Samschtig-Jass auch mit 50 Jahren noch funktioniert

Der «Samschtig-Jass» ist Europas älteste Unterhaltungssendung. Ein Moderator, ein Promi und zwei Normalos jassen zusammen. Wieso ist das so erfolgreich? Spurensuche in Sumiswald.

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Reto Scherrer sagt für einmal nichts. Mit geschlossenen Augen sitzt er auf seinem Stuhl, während eine Visagistin ihm das Gesicht pudert. Vom Raum nebenan dringt Lärm ins improvisierte Schönheitsstudio. Die Zuschauer üben gerade das Klatschen. Sumiswald, Restaurant Kreuz, Freitag, der 20. April 2018: noch eine halbe Stunde bis zum Dreh, der ersten von zwei Aufzeichnungen an diesem Abend. Eine Wolke Haarspray legt sich über Scherrers Haupt. Ja, er sei in solchen Momenten noch nervös, sagt er. «So lange mache ich das ja noch nicht.»

Der Wanderzirkus

Reto Scherrer ist seit Sommer 2017 Moderator des «Samschtig-Jasses». Auch mit 42 Jahren und als dreifacher Vater ist er noch das, was sich eine ältere Frau unter einem Lausbuben vorstellt. Markenzeichen sind sein knuffiges Gesicht und das lose Thurgauer Mundwerk. Bei der Glory-Verleihung – der hauseigenen Promi-Award-Show seiner Ar­beitgeberin SRF – gewann er 2012 den Preis in der Kategorie Crazy. Und nun also die Moderation des «Samschtig-Jasses» – Scherrer spielt jetzt in einer anderen Liga.

Die Sendung ist der unverwüstliche Dinosaurier im SRF-Unterhaltungsprogramm. Dieses Jahr feiert sie ihr 50-Jahr-Jubiläum – Rekord. Keine in Europa noch ausgestrahlte Unterhaltungsshow ist älter als der «Samschtig-Jass». Umso erstaunlicher, weil sich am Grundkonzept der Sendung in den letzten 50 Jahren nie etwas geändert hat. Man zieht nach wie vor durch die Schweiz, von Restaurant zu Restaurant, und jasst zusammen – ein Karten spielender Wanderzirkus.

Im Restaurant Kreuz in Sumiswald gelten die Fernsehleute bereits als gern gesehene Gäste. «Mit Monika waren sie auch schon hier», sagt Yvonne Nyffeler, die Wirtin. Monika ist Monika Fasnacht. Vor Reto Scherrer machte sie den Moderatorenjob – und dies 18 Jahre lang. Ihr Vorgänger Jürg Randegger war gar 24 Jahre im Amt. Beide gingen sie nicht freiwillig.

Die Vogelperspektive

Noch 20 Minuten. Die «Rusch-Büeble» haben ihre Hemden ­gewechselt. Sie tragen jetzt Schwarz, ihre Vornamen mit weissem Faden am Hemdkragen eingraviert. Die «Rusch-Büeble», das sind Vater Roger am Bass und seine 16-jährigen Zwillingssöhne Simon und Cyrill am Handörgeli. Das Trio wird zwischen der zweiten und der dritten Jassrunde einen Europop-Hit aus den 1980ern performen. «Eigentlich machen wir ja Ländlermusik», sagt Vater Roger. Aber das Fernsehen habe explizit diesen Song gewünscht.

Begrüssung, Jassen, Interview, Jassen, Musik, Jassen, Abschied: Das Grundgerüst der Sendung steht seit 50 Jahren. Der klare Fokus liegt dabei auf den Jassrunden, die der TV-Zuschauer aus der Vogelperspektive mitverfolgen kann. Minutenlang sieht man nur konzentrierte Gesichter und Karten, die über den Tisch wandern. Verglichen mit anderen Unterhaltungsformaten ist das fast schon radikal unspektakulär. Oft ist es einfach nur still. Ausser Reto Scherrer kommt wieder eine Frage in den Sinn. Oder Jassschiedsrichter Dani Müller sagt, wer gestochen hat.

Der Bankfilialleiter

Dieser Dani Müller nimmt nun auf dem Stuhl neben Scherrer Platz. Noch 15 Minuten. Scherrer sagt Müller abermals, was er ihm vor der ersten Jassrunde sagen wird. Auch der Gag mit den «Rusch-Büeble» ist bereits ab­gesprochen. Sicher ist sicher.

Dani Müller ist Schiedsrichter, Kommentator und Scherrers ­Sidekick in Personalunion. Aber nicht mehr lange: Im August ist nach 8 Jahren Schluss. «Sein Wunsch nach mehr Freizeit», titelte die «Glückspost» kürzlich. Müller, der Bankfilialleiter aus Speicher AR, ist durch seine TV-Präsenz mittlerweile selbst zum Promi geworden. Mit seiner Frau Claudia organisiert er heute Jassreisen durch Europa. «Das werde ich auch weiterhin machen», sagt er. Monika Fasnacht ist jeweils auch mit von der Partie. Die beiden sind während ihrer gemeinsamen TV-Zeit enge Freunde geworden. Müller war Fasnachts Trauzeuge bei deren Hochzeit Anfang Jahr. Dem «Blick» sagte er kurz nach Bekanntgabe seines Rücktritts, er finde es schade, dass beim «Samschtig-Jass» keine Frauen mehr zu sehen seien.

Die Partnerschaft

SRF und die Klatsch- und Boulevardpresse gingen schon vor Jahren eine Partnerschaft ein. Keine Liebesheirat; aber man weiss, was man aneinander hat. Gegenseitig beschert man sich Quote und Auflage. Der «Samschtig-Jass» ist dabei eines der Lieblingstratschthemen. Ob beim Miniskandal, als die Sendung ein Ostschweizer Bordell besuchte. Oder natürlich wenn es ums Privat­leben der Moderatoren geht. Die Suche von Monika Fasnacht nach der grossen Liebe war jahrelang ein Dauerbrenner in den Klatschspalten.

Auch als bekannt wurde, dass Fasnacht abgesetzt wird, drehte der «Blick» tagelang am Kandidatenkarussell für ihre Nach­folge. Jede und jeder mit einem Namen durfte sich melden. Linda Fäh sagte: «Klar würde mich der ‹Samschtig-Jass› reizen.» Florian Ast sagte: «Mein Wunsch war es immer, den ‹Samschtig-Jass› zu moderieren, bevor ich fünfzig bin.» Mike Shiva sagte: «Ich will den ‹Samschtig-Jass›. Eichel und Schellen sind meine Trümpfe.»

Der Differenzler

Trubel in der Garderobe. Noch 10 Minuten. Reto Scherrer schüttelt eifrig Kinderhände. Sein heutiger Gast ist die elffache Mutter Gaby Wenger, die gleich ihren gesamten Nachwuchs mitgebracht hat. Normalerweise ist es ein Promi, der mit Scherrer am Jasstisch sitzt. Aber weil diese Sendung am Tag vor dem Muttertag aus­gestrahlt wird, ist alles ein bisschen anders. Scherrer wurde im «Blick» auf Wenger aufmerksam. «Reto hat mich angerufen und gesagt, ich müsse unbedingt zu ihm in die Sendung kommen», sagt Wenger. Als sie zusagte, konnte sie noch nicht einmal jassen.

Gespielt wird beim «Samschtig-Jass» ein Differenzler, eine der komplizierteren Jassvarianten. Dani Müller kann einem einen zweiminütigen Monolog halten, worauf man bei dieser Vatiante achten muss. Fakt ist: Wer sich verzählt, kann sich ordentlich blamieren. Durch das sachkundige Publikum geht jeweils ein Raunen, wenn wieder mal einer voll danebenliegt. Und die Kamera hält dann natürlich gnadenlos drauf.

Der Garderobenflirt

Noch 5 Minuten. Bruno Kernen tigert durch die Garderobe. Der ehemalige Skirennfahrer wird der Gast für die zweite Aufzeichnung des Abends sein. Zwei Frauen mittleren Alters haben sich unbemerkt in die Garderobe geschlichen. Beim «Samschtig-Jass» ist das kein Problem – alle Türen sind offen.

«Kann man mit Ihnen auch Ski fahren gehen?», fragt eine der beiden Frauen Kernen. Die andere steht kichernd dahinter.
«info@brunokernen.ch», sagt Bruno Kernen.
«Auch die Lauberhornabfahrt?»
Kernen nickt. Die beiden Frauen ziehen grinsend ab.

Bruno Kernen war zu Rennzeiten schon ein Frauenschwarm. Vielleicht, weil ihm zur typischen Sportreporterfrage – «Wie fühlen Sie sich?» – immer etwas mehr einfiel als den anderen. Keiner konnte seinen Gefühlen rhetorisch so Ausdruck verleihen wie Kernen. Als er sich letzten Herbst als SRF-Skiexperte bewarb, half das trotzdem nicht. Er bekam den Job nicht. Nun beschränkt sich sein postsportlicher Ruhm Jahr für Jahr auf die Nennung des Kernen-S während der Lauberhornabfahrt und auf Auftritte wie den heutigen.

Er sei vor der Kamera nicht mehr nervös, sagt Kernen. Tatsächlich wirkt er so abgeklärt, als ob von ihm verlangt würde, an einem Anfängerhügel ein paar Kurven zu drehen.

Die Jassredaktion

Scherrer ist da deutlich angespannter. Der Moment der Wahrheit ist für ihn gekommen. Ein letztes Zupfen an seinem Jackett, ein Pinselwisch übers Gesicht, dann wird er losgeschickt. Über den Knopf im Ohr empfängt er die Regieanweisungen. Aber die Regie weiss, dass man bei Scherrer zurückhaltend sein muss. Einem Sven Epiney kann man nonstop aufs Ohr plappern, der plappert selbst einfach weiter. Scherrer hört noch zu.

Die SRF-Jassredaktion hat sich gleichzeitig in der Garderobe versammelt und verfolgt nun gemeinsam die Aufzeichnung. Man ist angespannt. Auch wenn es keine Livesendung ist: Passiert nicht gerade eine absolute Ausnahmesituation, wird ohne Pausen durchgedreht. Versprecher, peinliche Interviewsituationen und andere Pannen sind dann einfach Teil der Sendung. Entsprechend fiebert die Redaktion bei jedem Wort von Scherrer mit («O nein Reto! Ich habe ihm doch noch gesagt, dass er das lassen soll»). Oder sie kommentiert die Auftritte der Gäste («Die beiden wissen ganz genau, wie sie in die Kamera schauen müssen.» – «Sie hat einfach etwas von der Doris Leuthard – dieser wache Blick.»).

Die Promifabrik

Die SRF-Mitarbeiter haben schwere Monate hinter sich. Noch im vergangenen Herbst mussten sie alle um ihren Job bangen. Die Umfrageergebnisse zur No-Billag-Initiative liessen damals Schlimmes erahnen. Jetzt ist alles anders. Das Selbstvertrauen nach dem Sieg an der Urne ist zurück. Man ist wieder wer. Denn noch immer gilt: Wer berühmt werden will, muss ins Fernsehen – egal, ob Volksmusiker oder Sportler. Die No-Billag-Initiative war deshalb im Kern auch eine No-Promi-Initiative. Die Bevölkerung hätte mit einem Ja an der Urne die einzige Promifabrik des Landes dem Erdboden gleichgemacht. Aber es kam bekanntlich anders. Vielleicht auch wegen Sendungen wie des «Samschtig-Jasses».

Hier sitzen Promis und Normalos gemeinsam an einem Tisch, man begegnet sich auf Augenhöhe. Moderator Scherrer ist auch bloss der Stellvertreter für den Telefonjasser. Dieser sitzt übrigens nicht bei sich zu Hause, sondern zwanzig Meter Luftlinie entfernt im Übertragungswagen. Das Reden – wenn überhaupt geredet wird – übernehmen die Promis. Dafür sind sie ja da, damit man nachher über sie tratschen kann.

In der Schweiz mit ihrer «Champignon-Kultur», wo keiner grösser oder kleiner sein darf als der andere, ist es das perfekte Konzept. Auch im Alter von 50 Jahren bolzt der «Samschtig-Jass» noch ordentlich Quote. 2017 schauten im Schnitt 246 000 Zuschauer zu, was einem Marktanteil von beachtlichen 28,7 Prozent entspricht. Weil die Sendung mittlerweile für viele Zuschauer zur Gewohnheit geworden ist, muss man auch nicht immer aufs Neue begeistern. Es reicht, wenn man nicht enttäuscht.

Die Tulpen

Die Aufzeichnung in Sumiswald ist schon fast im Kasten. Die Produktionscrew wird bald erleichtert nach draussen strömen und hastig an Zigaretten ziehen. Reto Scherrer wird in die Garderobe huschen und sich umziehen. Der Saal wird gelüftet werden, weil es mittlerweile so heiss ist wie in einer Sauna. Und die Zuschauer werden sich umsetzen müssen. Neue Sendung, neuer Look. In einer halben Stunde gehts weiter.

Aber zuerst verteilt Reto Scherrer Tulpen. «Alles Gute zum morgigen Muttertag» – drei Wochen zu früh. Aber das ist egal. Die Zuschauer klatschen trotzdem.

«Samschtig-Jass»: Samstag, 12. Mai 2018, 18.45 Uhr, SRF 1. Zu Gast ist die elffache Mutter Gaby Wenger. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.05.2018, 09:23 Uhr

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