Vor der SVP gekuscht?

SRF nahm kurzfristig einen Film aus dem Programm. Er handelt vom Euroturbo Robert Menasse.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

War es Selbstzensur oder bloss schlechte Planung? Am Sonntagabend stellte SRF kurzfristig sein Programm um. Um 21.45 Uhr wurde wider Erwarten ein Film über den Skispringer Walter Steiner gezeigt. Geplant gewesen war eigentlich ein «Reporter»-Dok mit Autor Robert Menasse, der nicht zuletzt als dezidierter EU-Befürworter bekannt geworden ist. Der Film «Ein Österreicher sucht das Herz der Schweiz» zeigt, wie Menasse an der Seite des Zürcher Literaturkritikers Stefan Zweifel durch die Schweiz reist.

SRF hat nun entschieden, den Film ins Web auszulagern. Auf der SRF-Webpage wird die Sendung am 12. Oktober aufgeschaltet. Im TV ist er erst am 19. Oktober zu sehen – einen Tag nach den eidgenössischen Wahlen also.

Für Menasse ist klar, dass SRF in der finalen Phase des Wahlkampfs vor der SVP gekuscht hat. Gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz sagt er: «Wenn ein Programmverantwortlicher sich wegen kleiner kritischer Anmerkungen davor fürchtet, dass eine Partei, die übrigens in dem Film gar nicht genannt wird, sich beschweren könnte, dann kann ich ehrlich gesagt die Frage nicht beantworten, was das Recht auf freie Meinungsäusserung mehr bedroht: die fiktive Macht dieser Partei oder die reale Feigheit des verantwortlichen Redaktors.»

Tell, der «Idiot»

Er und Zweifel hätten bei ihrer Begegnung «Schweizer Eigenheiten und Besonderheiten zum Teil liebevoll, zum Teil sanft kritisch diskutiert», sagt der Österreicher. Die finale Fassung sei zudem entschärft worden. «Etwas, das nicht besonders scharf ist, zu entschärfen – das ist schon eine eigene Kunst!»

Auch sein Begleiter Zweifel kann die Entfernung nicht nachvollziehen. Man habe über Frisch und Dürrenmatt geredet und unter anderem festgestellt, dass Tell ein «Idiot» im altgriechischen Sinn gewesen sei. «Vielleicht war das ein etwas eigensinniges Lob der Schweiz.»

SRF sieht die Angelegenheit erwartungsgemäss anders. Durch die Verschiebung des Films, der sich thematisch um die Wahlen in der Schweiz drehe, sei vielmehr die Nähe zum Wahltag gewährleistet.

Ob es tatsächlich diese Finesse war, die den Sender zur abrupten Umstellung bewogen hat? Jedenfalls ist der Website-Podcast eindeutig weniger attraktiv als der ursprünglich vorgesehene TV-Sendeplatz am Sonntagabend; der Film dürfte nun weit weniger Zuschauer finden. Bemerkenswert ist auch, dass SRF weitere Schweizbesuche ausländischer Politkommentatoren geplant hatte, dieses Projekt mittlerweile aber abgebrochen hat.

Im politischen Minenfeld

Die SRF-Programmleiter bewegen sich in einem politischen Minenfeld, spätestens seit der prekären RTVG-Abstimmung vom Juni. Fast täglich werden sie mit dem Verdacht politischer Parteinahme konfrontiert. In den allermeisten Fällen sind die Vorwürfe haltlos – Linke wie Rechte versuchen, dem Sender ihre politische Agenda aufzudrängen, sich zu profilieren, persönliche Animositäten auszutragen.

In der Causa Menasse jedoch konnte SRF den naheliegenden Verdacht des vorauseilenden Gehorsams bisher nicht glaubwürdig entkräften.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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