TV-Kritik: Der steinerne Franz

TV-Kritik

Der gestrige «DOK» thematisierte Samih Sawiris' Andermatt-Projekt. So richtig spannend wurde der Film erst, als ein liberales Urgestein seine Bedenken anmeldete.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Eine knappe Stunde lang wiederholte und bebilderte «Alpen-Monopoly in Andermatt» Altbekanntes: dass Samih Sawiris ein Tausendsassa ist, der mit seiner jovialen Art mit millionenschweren Financiers und Bundesräten ebenso spielend leicht ins Gespräch kommt wie mit Architekten, Viehhändlern oder Bauarbeitern. Dass die Bergbewohner von Andermatt ohne Sawiris' Megaprojekt einer (noch) unsichereren wirtschaftlichen Zukunft entgegensehen. Dass die ambitionierten Baupläne des ägyptischen Investors bei Freunden des Althergebrachten auf Skepsis stossen. Zwar hofften die Filmemacher offenbar, einen ehemaligen Festungswächter und den Dorfpfarrer zu Kritik gegen das Tourismusprojekt zu verleiten, aber mehr als ein paar verdruckst-gewundene Statements brachten sie aus den beiden nicht heraus.

«Sind sich die Leute bewusst?»

Umso kräftiger wirkte da der nachfolgende Auftritt von Franz Steinegger, dem 68-jährigen FDP-Urgestein, Fast-Bundesrat und Expo-Macher. Dass ausgerechnet der liberale Steinegger derart deutliche Kritik am lukrativen Privatprojekt äusserte, liess aufmerken.

Steinegger bezog seine Kritik vornehmlich auf das Engagement der schwedischen Firma Skistar, die mit Millionenunterstützungen der öffentlichen Hand Sawiris' Andermatt-Resort und Sedrun zu einer neuen Skiarena verbinden möchte. Dieser brachialen Infrastrukturmodernisierung steht Steinegger sehr skeptisch gegenüber. Man sei sich in der Bevölkerung offenbar nicht im Klaren darüber, «dass, wenn nicht einigermassen vernünftig verzinst und amortisiert wird, das Tal auf Anlagen sitzen bleibt, die nicht mehr betreibbar sind». Dass Skistar die komplette Servicekette von der Hotelbuchung bis zur Ausrüstungsvermietung kontrollieren möchte, will Steinegger ebenfalls nicht gefallen: «Sind sich die Leute bewusst, dass sie so des Einflusses auf das Resort verlustig gehen?»

Der Urner Anwalt äusserte zudem die ziemlich brisante Vermutung, Sawiris versuche, «die Leute zu involvieren, bevor sie fertig gerechnet haben». Doch Steineggers Part war ein kurzer, und zum erhofften Showdown mit Sawiris kams leider nicht.

Hartnäckig an Sawiris' Fersen geheftet

Stattdessen verlegten die «DOK»-Macher den Fokus, etwas unvermittelt, nach Ägypten, um über die Folgen des Arabischen Frühlings für Sawiris' Firma Orascom zu berichten und über die Bemühungen des Investors, seinen Betrieb trotz widriger Bedingungen am Laufen zu halten. Quintessenz: Liegt Ägypten krank im Bett, hat Orascom einen deftigen Schnupfen.

Was vom «DOK»-Film in Spielfilmlänge in Erinnerung blieb, war einerseits die etwas bemühte Inszenierung des Gegensatzpaars «Sawiris versus Urner Ureinwohner». Weshalb die Bergpredigt, die von den Sendungsmachern repetitiv als Kontrapunkt montiert wurde, vom Bau irgendwie beeinträchtigt werden soll, blieb offen. Und ob es wirklich so furchtbar ist, wenn die Bewohner des nahe gelegenen Altersheims das örtliche Bergbähnchen nicht mehr von ihrer Terrasse aus sehen können, darf wohl ebenfalls leise bezweifelt werden.

Andererseits überzeugte – neben der Steinegger-Episode – die Hartnäckigkeit, mit der die Dokumentarfilmer sich an Sawiris' Fersen hefteten, mit der sie ihm ebenso ins KKL-Konzert wie in die Sitzungszimmer folgten. Dabei wirkte Sawiris zumeist gewohnt spontan und jovial, bisweilen aber auch überraschend nachdenklich, fast melancholisch. «Ich bin noch nicht so alt, um nicht nochmals was Neues entdecken zu können», sagte er zu Filmende. Die Urner werdens mit gemischten Gefühlen registriert haben.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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