TV-Kritik: Journalistengejammer und Stimmengewirr

TV-Kritik

Die «Club»-Diskussion über «Moral, Macht und Medien» war fast komplizierter als der Fall Hildebrand selber. «Weltwoche»-Journalist Urs Paul Engeler sass die meiste Zeit auf der Anklagebank.

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Claudia Blumer@claudia_blumer

Die Diskussion kam nur langsam in Fahrt. Eigentlich hätte der «Club» am Dienstagabend auf SF 1 unter dem Motto «Moral, Macht und Medien» die Hintergründe der Affäre Hildebrand ausleuchten und reflektieren, die Frage nach Recht und Moral auf einer übergeordneten Ebene abhandeln sollen. Darum lautete die Einstiegsfrage: «Ist Philipp Hildebrand ein tragischer Held oder ein Opfer?»

Ein dramatischer Ansatz, doch die Reaktionen fielen nüchtern aus. SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli sprach von den «Insider-Vergehen», Publizistin Esther Girsberger nannte den Zeitpunkt des Rücktritts nachvollziehbar. Das wollte die Moderatorin nicht hören.

«Wie ein Schulbub»

Soziologe Ueli Mäder erwies sich als Retter: Es sei zu viel über Details geredet worden in dieser Affäre, «wer wann was gesagt hat», statt über den Sinn und Unsinn eines Rücktritts. Er war der einzige, der in der Diskussion immer wieder theoretisch-philosophische Ansätze lieferte. Leider versandeten diese, sie waren offenbar zu kompliziert, um weiterverfolgt zu werden.

Nächste Frage: «Urs Paul Engeler, die Quellen Ihrer Geschichte waren nach journalistischen Regeln ungenügend – warum haben Sie trotzdem publiziert?» Leider fiel die Antwort so langatmig aus, dass ihr Kern am Ende unterging. Aufschlussreicher ist ein späteres Zitat des «Weltwoche»-Autors: «Haben die Journalisten, welche am 23. Dezember das SNB-Communiqué publiziert haben, auch eine zweite unabhängige Quelle angefragt?» Er hingegen werde behandelt wie ein Schulbub, der noch nicht einmal eine Journalistenschule absolviert hat.

Grenzwertige Äusserungen bleiben sanktionslos

Ob das «Journalistengejammer» die Zuschauer wohl interessiere, warf Christoph Mörgeli einmal ein und fand damit kein Gehör. Tatsächlich gehören Detailfragen des journalistischen Handwerks eher in einen Publizistik-Kurs als in den «Club». Das Hickhack darum, ob die Aufdeckungen der «Weltwoche» selbst verdient oder der Zeitung auf dem Silbertablett serviert worden sind, interessiert das Publikum wohl auch nicht. Ein paar wissenswerte Häppchen gab es aber. Zum Beispiel von Medienrechtler Urs Saxer, der sagte: «Ehrverletzungsprozesse kann ich nicht empfehlen.» Ergo: Grenzwertige Äusserungen und Preisgabe von Persönlichkeitsrechten und Privatsphäre blieben in der Regel sanktionslos.

Ansonsten gelang es nicht, die Diskussion auf einen philosophischen Kurs zu bringen, sie blieb weitgehend bei der Kritik an der «Weltwoche», die nach allgemeiner Auffassung zu weit gegangen ist und die Quellen zu wenig gut abgesichert hatte. Spannendes förderte die Frage der Moderatorin zutage, die angesichts der verworrenen Gespräche zeitweilig nervös geworden war: «Urs Paul Engeler, hatten Sie nie das Gefühl, Sie würden von jemandem instrumentalisiert?» Interessen seien immer im Spiel, sagte Engeler, und irgendjemandem nütze man immer, egal, ob man für oder gegen etwas schreibe. Ja, er sei sich bewusst gewesen, dass er der SVP mit seiner Berichterstattung nütze. Doch die «Weltwoche» sei nicht die «Prawda», sondern ein Konkurrenzmedium, es würden auch andere Meinungen abgedruckt.

«Mir kommen die Tränen»

Einig waren sich die anwesenden Medienschaffenden beim rätselhaften Mediencommuniqué der Nationalbank, das klassischerweise am Freitagnachmittag zu Büroschlusszeiten versandt worden war – wohl in der Hoffnung, dass um diese Zeit keine Redaktion mehr die Motivation aufbringe, zu recherchieren. «Exemplarisch», fand Werner de Schepper, stellvertretender Chefredaktor der «Aargauer Zeitung», zustimmend in Richtung Engeler. Dieser erwähnte, wichtige Pressekonferenzen würden übrigens im Voraus geprobt. «Es gibt eine Regie, die sagt, wer wo steht.»

Was bedeutet es eigentlich für unsere Gesellschaft, dass eine Person wie Philipp Hildebrand so rassig abgeschossen werden kann? Die Frage der Moderatorin zum Schluss bewirkte ein lautes Stimmengewirr, als Christoph Mörgeli weismachen wollte, Christoph Blocher sei derjenige, der abgeschossen worden ist. «Mir kommen die Tränen», entgegnete Girsberger, und de Schepper sagte: «Jetzt sollten Sie aufhören, so ein Quatsch!» Wieder war es Soziologe Ueli Mäder, der ausholte und die Frage zu beantworten versuchte: Wer einen Stundenlohn von weniger als 20 Franken hat, solidarisiert sich weniger mit einem Millionenverdiener, der eine umstrittene Transaktion tätigte. Die ungleiche Geldverteilung schade dem sozialen Zusammenhalt und erleichtere den «rassigen Abschuss». Dem widersprach Werner de Schepper: «Den Leuten ist nicht wohl dabei, sie haben keine Freude am Rücktritt von Hildebrand.»

Journalisten versus Wissenschaftler

Vielleicht verlief die Diskussion deshalb so harzig, weil die Diskussionsteilnehmer selber zu stark in die Affäre Hildebrand involviert sind und grösstenteils in der Verteidigungsposition verharrten. Schliesslich sind die Ereignisse noch jung, Untersuchungen und mögliche Strafverfahren stehen noch bevor. Vielleicht ist aber auch schon alles gesagt zur Affäre Hildebrand oder man mag es nicht mehr hören.

Da waren auf der einen Seite die Journalisten Girsberger, Engeler und de Schepper und auf der anderen Seite die Wissenschaftler Saxer und Mäder. Dazwischen Mörgeli, der auf den in dieser Diskussion nicht gefragten Verfehlungen Hildebrands herumritt. Wer bis zum Schluss durchhielt (und nicht zu Harald Schmidt auf Sat 1 wechselte), wurde höchstens mit der Erkenntnis belohnt, dass es schwierig ist, in dieser Konstellation eine genüssliche Diskussion über «Moral, Macht und Medien» zu führen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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