TV-Kritik: Auf Quasselreise mit Mona Vetsch

Das Schweizer Fernsehen produziert mit «Fernweh» eine Sendung mit zu viel Gequassel und zu wenig Wissen.

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

27 Sekunden dauert abzüglich der Werbung der Vorspann zur freitäglichen Reisesendung «Fernweh» im Schweizer Fernsehen. Man sieht: Mona Vetsch auf einem Schnellboot. Mona Vetsch vor Palmen. Mona Vetsch im Fond eines Autos. Mona Vetsch an einem Umzug. Mona Vetsch und ein schwarzes Kleinkind. Mona Vetsch am Steuer eines Autos. Mona Vetsch im Dschungel. Mona Vetsch am Strand.

Nachhaltig oder Stimmungsmache?

In der Sendung selber, die sich diesen Sommer in sieben Teilen der Karibik widmet, ist die Vetsch-Konzentration verträglicher. Flankierend zur Moderatorin, sind nämlich auch Reporter unterwegs, die nicht im Bild gezeigt werden. Der Beitrag über den Volkstribun Elie Domota auf Guadeloupe letzte Woche war so ein Reporterbeitrag. Er kam gut ohne Vetsch, ihr kommentierendes Mienenspiel, ihr Brachiallachen aus.

Domota begehrt auf gegen das ferne Paris und die Reichen im Land, argumentiert mit der Kolonialgeschichte, weckt so Gefühle. Interessant: Man fragte sich, ob diese Art von Politik nachhaltig sei oder gefährliche Stimmungsmache. Doch war der Beitrag nur wenige Minuten lang.

Appetitanregend, aber zuwenig informativ

Das ist das Konzeptproblem von «Fernweh». Die in den letzten Jahren entwickelte Clipästhetik reisst von belanglos bis brisant alles an und reiht es beliebig: historische Plantagensklaverei und eine Schoggifabrik von heute, Karneval und Rumherstellung und Frühfischer am Strand. «Fernweh» macht Appetit wie ein Reisebüroprospekt, stillt aber wie dieser den Wissenshunger nicht.

Das Personenproblem der Sendung heisst Mona Vetsch. Die Thurgauerin passt sich gut ans Tiefniveau an. Zum Beispiel besucht sie auf Martinique den Ort Canton Suisse. Dort haut sie einen jungen Einheimischen an: «Du bist hier aufgewachsen. Aber einen Schweizer Pass hast du nicht, oder?» Einen anderen Mann fragt Vetsch, weil es in Canton Suisse auch ein Saint-Maurice gibt, quasi Sankt Moritz auf Französisch: «Sind Sie so reich wie die Leute in unserem Saint-Maurice? Sie haben ja goldene Zähne!»

Der Zuschauer leidet mit

Was wollen Einheimische auf solch sinnlose Plapperfragen antworten? Verstehen sie sie überhaupt? Der Zuschauer leidet jedenfalls mit ihnen. Heisst das Ganze darum «Fernweh»?

Mehr Ernsthaftigkeit und Erkenntniswille täten der Sendung gut. Mona Vetsch müsste unbedingt den Attraktionen zudienen, statt selber eine sein zu wollen.

Tages-Anzeiger

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