Schrott, garniert mit einer Leiche

Im neuen «Tatort» aus Weimar wird das witzige Ermittlerpaar auseinandergerissen. Leider.

Nur im Finale gemeinsam unterwegs: Christian Ulmen als Kommissar Lessing, Nora Tschirner als Kommissarin Dorn. Foto: Das Erste

Nur im Finale gemeinsam unterwegs: Christian Ulmen als Kommissar Lessing, Nora Tschirner als Kommissarin Dorn. Foto: Das Erste

Matthias Lerf@MatthiasLerf

Kommissar Lessing (Christian Ulmen) muss in den Knast. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ein Mann ist mit seiner Dienstwaffe ermordet worden. Deshalb sitzt er jetzt in Untersuchungshaft. Kommissarin Dorn (Nora Tschirner), seine Partnerin im Kommissariat und im Leben – sie haben gemeinsam einen bald fünfjährigen Sohn – versucht ihn zu trösten: «Wenn du in der Zelle sitzt, musst du nach dem Kindergeburtstag wenigstens nicht aufräumen.»

Goethe im Zitat und auf der Tasse

Von solchen Sprüchen lebt der «Tatort» aus Weimar. Und weil wir in der Stadt von Schiller und Goethe sind, gibt es gerne auch ein paar Klassiker-Zitate obendrauf. Dieses Mal zum Beispiel: «Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen.» Das ist von Goethe, aber der Dichter kommt auch in profanerer Version vor: Die Sonderermittlerin Eva Kern (Nina Proll) trinkt aus einer Tasse mit seinem Konterfei. Der Sinn steht ihr allerdings nicht nach Poesie: Sie ist es, die den Kollegen in den Knast gesteckt hat. Und wegen ihrer Unerbittlichkeit trägt diese Folge auch ihren Titel: «Die harte Kern».

Kern der Handlung ist der Mord an einem Mülldeponiebesitzer. Sein Arbeitsplatz ist rein optisch ein guter Kontrast zum pittoresken Weimar. Die auf der Abfallhalde im Einsatz stehende Presse sorgt zudem für Spannung im Finale, und Wörter wie «Schrott» geben Anlass für zahlreiche Wortspiele. Wobei man den Eindruck hat, das Duo Murmel Clausen und Andreas Pflügen, das alle Weimarer Folgen geschrieben hat, sei auch schon inspirierter gewesen. Das liegt vermutlich daran, dass die beiden in diesem neunten Fall nur für die Dialoge zuständig waren, fürs Drehbuch zeichnen zwei weitere Autoren verantwortlich.

Intellektuelles Zicken, unflätige Zoten

Die Geschichte tuckert denn auch zwischen zahlreichen Figuren und Anspielungen hin und her, schwarze Magie und Theaterzauber haben auch ihren Auftritt. Der tollpatschige Hilfspolizist Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey), der ja eigentlich für seine Chefin schwärmt, darf sich diesmal auch noch anderweitig verlieben. Dagegen ist ja nichts einzuwenden, aber die Todsünde ist wirklich, dieses beste und witzigste Ermittlerpaar der «Tatort»-Geschichte durch einen Knastaufenthalt auseinanderzureissen. Weimar lebt von den ständigen Sprüchen der beiden, ihrem intellektuellen Zicken, ihren unflätigen Zoten.

Wieso ist das den vier Schreibern nicht aufgefallen, diese Schwächen musste doch bereits in der Anlage offensichtlich sein? Vielleicht liegt die Antwort in einem weiteren Zitat aus dieser Folge: «Es liegt in der menschlichen Natur, vernünftig zu denken und unlogisch zu handeln.» Das ist nicht von Goethe, sondern von Anatole France.

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