«Scheiss Schwan, elender!»

Punk, Pädagoge – nun auch Autor: Late-Night-Unterhalter Dominic Deville hat ein Buch über seine Zeit als Kindergärtner geschrieben.

«Alles was misslingt, wird später eine gute Geschichte.»: Dominic Deville. (Bild: Samuel Schalch)

«Alles was misslingt, wird später eine gute Geschichte.»: Dominic Deville. (Bild: Samuel Schalch)

Was haben Sie gegen Schwäne?
Nichts.

«Scheiss-Schwan, elender!», schreiben Sie in Ihrem Buch. Er dient als Motiv für Ihre Niederlagen. Auslöser war eine Bastelstunde in der ersten Klasse.
An diese Kränkung erinnere ich mich bis heute. Wir durften etwas Eigenes basteln. Ich wollte voller Enthusiasmus eine tolle Ritterrüstung machen . . .

. . . was schiefging.
Ich brachte nur einen blöden Helm zustande, der erst noch zu klein war. Mein Gspänli Roman aber – einer meiner wenigen Freunde – baute einen verdammten Schaukelschwan aus Holz, einen riesigen, zum Reinsetzen und Schaukeln. Ich weiss noch, wie ihn der Lehrer ständig lobte. Und dann malte er ihn so geil an. Der sah aus wie gekauft. Immerhin wurde Roman später Werklehrer.

Sie kokettieren im Buch mit Ihrem Scheitern: Wir erfahren, wie Kindergärtler entlaufen, wie Sie als Samichlaus ins Aquarium fallen, sich auf der Bühne mit der Kettensäge ins Bein schneiden – und Ihre Punkband heisst «The Failed Teachers».
Schon beim Bühnenprogramm «Kinderschreck», auf dem das Buch basiert, wollte ich nie nach frustriertem Kindergärtner klingen. Ich wollte nicht die Kinder auf die Schippe nehmen, auch nicht die Eltern, sondern mich selber. Am Ende bin es immer ich, der auf die Nase fliegt. Ich wollte kein herziges Buch schreiben, à la «Kinder sind so originell, ist Kindergärtner nicht ein schöner Beruf?», davon gibts genug. Ich wollte dem eine satirisch-böse Extrakante geben.

Und Ihre Niederlagen zu guten Geschichten machen.
Schon damals, als ich in Berlin mit meiner Punkband von der Bühne sprang und mir das Gesicht einschlug, musste ich im Krankenwagen auf dem Weg ins Spital lachen. Weil ich wusste: Wenn ich das jemandem erzähle, wird das eine gute Geschichte. Alles was misslingt, wird später eine gute Geschichte.

Aus der Lektüre nehmen wir mit: Im Kindergarten herrscht Anarchie. Ihr Buch ist ein Plädoyer für mehr Chaos im Leben.
Das kann man so sehen. Im Kindergarten musst du das Chaos zulassen. So lebe ich auch. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal irgendwas über ein halbes Jahr hinaus geplant hätte.

Dass Sie Kindergärtner wurden, war auch nicht geplant, sondern einem weiteren Misserfolg geschuldet: Sie flogen durchs Lehrersemi.
Ich wollte Lehrer werden, aber das scheiterte an der Mathematik. Der Berufsberater sagte: «Warum nicht Kindergärtner?» Ich sagte spontan zu. Heute könnte ich wohl keine Fernsehshow moderieren, wäre ich nicht Kindergärtner gewesen. Allein schon, weil meine ganze Karriere darauf aufbaut.

Zudem ist der Job bestes Training: Wer Kinder zum Zuhören bringt, schafft das auch bei Erwachsenen.
Klar. Ich stelle mir nichts anderes als eine Kindergartengruppe vor, wenn ich vor der Kamera stehe. Der einzige Unterschied ist, dass Erwachsene den Anstand haben, an der richtigen Stelle zu klatschen. Nicht umsonst waren viele Kabarettisten früher Lehrer, etwa Lorenz Keiser oder Divertimento. Sie wissen, wie sie eine Masse in ihren Bann ziehen. ­

Wie erkläre ich einem Fünfjährigen, dass er sich die Hände waschen soll?
(überlegt) Ein Händewaschtanz, das wäre wohl pädagogisch korrekt. Erst einen Händewaschvers aufsagen (klatscht in die Hände, reibt sich die Hände), den in eine Geschichte einbauen, jedes Kind bekommt ein Kü­belchen Wasser, dann reiben wir die Hände mit einem farbigen Tülltüch­­lein, dazu singen wir – dann würde es wohl sitzen.

Ihr bester Kindererziehungstipp?
Viele sagen: Ich kanns nicht gut mit Kindern. Oder sie wissen nicht, was unternehmen. Es ist egal, was du mit Kindern machst, aber tu was. Man muss nicht ins Museum oder Kindertheater gehen, nur weil es pädagogisch wertvoll ist.

Burger bei McDonald’s ist auch gut?
Auf jeden Fall! Sicher besser als nichts.

Im Kindergarten waren Sie als Punk mit Armeestiefeln und farbigen Haaren ein Paradiesvogel. Stimmts, dass Sie sich für die Abschlussarbeit anzünden liessen und als Teenie in einem Sarg schliefen?
Sicher. Den Sarg habe ich mit Kissen ausgelegt. Und eine Guillotine habe ich auch gebaut. Ich fand dieses Geheimbanden-Ding schon immer toll, machte gern schräges Zeug. Als ich dann Punk entdeckte, merkte ich: Das ist ja genau, was die tun. Meine Eltern fanden das nicht komisch – meine Mutter ist bis heute mehr Punk, als ich es jemals war.

Sie widmen das Buch Ihrem inneren Schweinehund. Also war das Schreiben ein Krampf?
O ja. Ich habe unterschätzt, wie unglaublich anstrengend Schreiben ist. Ich dachte, ich schreib das Buch in drei Wochen. Es wurden zwei Jahre daraus. Mehrmals wollte ich alles hinschmeissen. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr zurück. Also sperrte ich mich in mein Musikzimmer und schrieb bis spät in die Nacht. Wenn du da die Tür schliesst, saugt es die Luft raus (atmet zischend ein), und du hörst nichts mehr.

Am Ende fragen Sie philosophisch: War ich ein guter Kindergärtner?
Auf jeden Fall kommen immer wieder ehemalige Kindergärtler zu mir an Auftritte. Aber der wichtigere Punkt ist: War ich überhaupt je Kindergärtner? Und bin ich jetzt Fernsehmoderator? Das mit dem Kindergärtnern war nur eine Phase. Dafür gelebt habe ich nie.

Inwiefern?
Man sagt ja Kindergärtnerinnen nach, dass sie alles sammeln. Das stimmt wirklich! Weil, man könnte ja alles mal brauchen zum Basteln. Egal, ob Korkzapfen oder WC-Rollen oder Stifte, die nur noch Stummel sind. Das habe ich nie getan. Machte ich die Tür zu, war fertig Kindergarten. Ich habe immer versucht, Distanz zu wahren. Deshalb das ganze Punkrock- und Selbstzerstörungszeugs.

Also war der Kindergärtner nur eine Rolle, wie nun der Comedian?
Ja. Das gilt für alles, was ich gemacht habe. Ich war einfach immer der Typ, der Kindergarten unterrichtete, der Typ, der in einer Punkband spielte . . .

. . . und jetzt der Typ, der eine Late-Night-Show hat. Ist das auch nur eine Rolle, bis etwas Neues kommt?
Todsicher. Was ich danach mache? Keine Ahnung. Auf jeden Fall nicht nochmals ein Buch schreiben.

Dafür, dass das nur eine momentane Rolle ist, sind Sie ziemlich erfolgreich. Jeder will eine TV-Show mit dem eigenen Namen haben.
Klar, wer hat das sonst noch? Der Schawinski und der Aeschbacher. Aber es war nie mein Ziel, ins Fernsehen zu kommen. Ich bin da reingerutscht. Kürzlich, beim Prix Walo, stand ich zwischen all den Fernsehleuten und habe gemerkt: Hierhin gehöre ich auch nicht wirklich.

Dominic Deville: Pogo im Kindergarten. Kiwi 2018. 336 S., ca. 12 Fr.

Lesung: Mo, 28. Mai, 20 Uhr, Kaufleuten

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