Schawinski oder Precht?

Gastkommentar

Während das SF auf die alte Garde setzt, geht das Zweite Deutsche Fernsehen nach der Sommerpause neue Wege. Ein Gastkommentar.

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Der Sommer neigt sich zu Ende. Er verabschiedet sich in seinem besten Erscheinungsbild: mit einem stahlblauen Himmel, wolkenlos. Schöner und heisser könnte er es nicht tun, wie ein Trost für die verregneten Sommertage. Bald hat uns der Alltag wieder. Ein neues Schuljahr beginnt, für viele Kinder das erste Mal.

Auch im Leutschenbacher Fernsehen, im Fernsehen der deutschen und rätoromanischen Schweiz, erwacht man wieder aus dem Sommerschlaf. Am kommenden Freitag nimmt die «Arena» ihren Platz im Programm wieder ein. Am nächsten Montag talkt auch wieder Roger Schawinski auf Teufel komm raus. Prominente werden sich auf den Stuhl vis-à-vis Schawinski setzen und sich von ihm vorführen lassen.

Schon in den nächsten Tagen wird er seine Redaktion auf Trab bringen; sie wird in den Archiven nach den Schandtaten forschen, die er seinem ersten Gast nach der Sommerpause vorspielen wird. Eigentlich erstaunlich, dass sich das so viele einfach so gefallen lassen. Die eigene Eitelkeit ist wohl grösser - und die Chance, prominent im Fernsehen aufzutreten, zu verlockend - als die Vernunft, auf dieses Spektakel zu verzichten, in dem es meistens nur einen Verlierer gibt: der Mann oder die Frau vis-à-vis von Schawinski. Selber schuld.

Vom Dialog zur Debatte

Wohltuend ist dagegen die Absicht des Zweiten Deutschen Fernsehens ZDF, jeweils am späten Sonntagabend den Philosophen und Bücherautor Richard David Precht talken zu lassen. Der 47-jährige Precht will jeweils mit einem spannenden und interessanten Menschen über die Zukunft nachdenken, er will erörtern, räsonieren, sinnieren, will nach Lösungen unserer Gesellschaftsprobleme fahnden: Wie wäre die Eurokrise zu meistern, wie wären die Menschen näher an die politischen Lösungen heranzuführen, wie könnte man sie zumindest dafür interessieren. Er möchte zum Dialog anregen, er möchte, dass sich der im Fernsehen begonnene Dialog zu einer Debatte in der Gesellschaft ausweitet, dass der eine oder andere mit dem Arbeitskollegen ins Gespräch kommt und darüber nachdenkt, wie vernünftig und praktikabel die Gedanken sind, die am Vorabend in der Sendung «Precht» entwickelt wurden.

Gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» meinte Precht: «Was wir machen, ist revolutionär, weil es altmodisch ist. Ich glaube auch, dass die Zukunft des Fernsehens so sein wird.» Precht will anknüpfen an die 70- und 80-er Jahre, als wir versuchten, die Kultur, ja die Bildung über das Fernsehen in die Wohnstuben zu bringen. Viele erinnern sich vielleicht noch an Günther Gaus, der damals mit seinen Gesprächspartnern vorführte, was Precht wieder einführen möchte: Nachdenklichkeit im Fernsehen. Viele erinnern sich vielleicht noch an das Bildungsfernsehen in der Schweiz. All das ist in den vergangenen Jahren über Bord geworfen worden. Die Quote wurde zum Massstab, die Leichtigkeit zum Konzept, die situative Aufgeregtheit in den politischen Sendungen, selbst in der «Tagesschau», zur Norm. Das Fernsehen zum Boulevard.

Precht ist ein Vorreiter

Heute ist das Fernsehen bereits ein altes Medium. Die Verantwortlichen des Schweizer Fernsehens sagen bereits den Niedergang des Mediums voraus, weil sie vom Internet bedrängt werden. Sie beantragten deshalb beim Bundesrat eine Ausweitung der Konzessionen; SRG wolle auf ihren Internetplattformen Werbung platzieren können, um als Unternehmen zu überleben. Die Zeitungsverleger sind dagegen. Die SRG werde schon jetzt über Konzessionsgelder quasi subventioniert. Sie als privatwirtschaftliche Unternehmungen müssten die Entwicklung der Internetplattformen selber finanzieren, seien also auf die Werbeeinnahmen dringend angewiesen. Die Zeitungsverleger wollen daher auf dem Werbemarkt keine Konkurrenz durch die SRG. Da sich die beiden – SRG und Zeitungsverleger - nicht einigen konnten, liegt der Ball jetzt bei Bundesrätin Doris Leuthard. Sie hat zu entscheiden. Wie so vieles in der neuen digitalen Welt, wird der Niedergang nicht so bald kommen. Das Werbeaufkommen im Fernsehen ist im Gegensatz zum Internet immer noch sehr, sehr hoch.

Neue Formen des Fernsehens, wenn sie auch die alten sind, werden zunehmend eine Chance haben. Precht ist ein Vorreiter, Schawinski ein Vertreter der alten Garde. Nicht mehr zeitgemäss. Häme kann kein Konzept sein. Denn die Zukunft ist zu wertvoll, als dass sie nicht neue Gedanken, neue Ideen verdiente. Schlicht: einen neuen Talkstil.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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