«Precht hat eine grosse Gabe»

Interview

Barbara Bleisch, Moderatorin der «Sternstunde Philosophie», nimmt Stellung zu den Vorwürfen von Peter Sloterdijk an Richard David Precht und sagt, warum Philosophie nicht für alle geeignet ist.

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Ist Sloterdijks Vorwurf der Trivialisierung der Philosophie durch Precht gerechtfertigt? So pauschal ist dieser Vorwurf sicher nicht gerechtfertigt. Erstens bezieht er sich auf eine zukünftige Sendung – das heisst, Herr Sloterdijk äussert hier eine Befürchtung. Ob sie berechtigt ist, wird sich zeigen, wenn das Format angelaufen ist.

Zweitens fragt sich, was Herr Sloterdijk mit Trivialisierung eigentlich meint. Precht hat ein herausragendes Talent, komplexe philosophische Sachverhalte einfach verständlich darzustellen – das hat er auch als Gastmoderator der «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen bewiesen. Wenn Trivialisierung eine Vereinfachung meint, dann wird Precht die Philosophie also tatsächlich trivialisieren. Wenn Sloterdijk damit jedoch eine unzulässige Banalisierung meint, welche die Philosophie verzerrt, so wäre ich mit einem solchen Urteil vorsichtig. Die Gratwanderung zwischen Banalisierung und Vereinfachung ist natürlich schwierig. Vereinfachungen wirken nun mal wie eine umgekehrte Lupe: Details verschwimmen, trennscharfe Unterscheidungen sind nicht mehr möglich. Dafür kommt, wenn man es klug macht, das grosse Ganze in den Blick. Hinsichtlich Philosophie übrigens keine einfache Aufgabe!

Wie kann man Philosophie am Fernsehen bringen? Das Interesse an Philosophie ist sehr gross und gerade in Krisenzeiten noch grösser. Einem erfolgreichen philosophischen Fernsehformat muss es deshalb gelingen, dieses Interesse abzuholen. Das heisst, dass wir versuchen müssen, die philosophischen Fragen, welche die Leute heute bewegen, mit den Antworten zu verbinden, mit denen die Philosophen seit 2000 Jahren ringen. Das versuche ich in der «Sternstunde Philosophie» beispielsweise in meiner Reihe «Klassiker reloaded», in der ich thematisiere, was Kants Erkenntnistheorie mit virtuellen Parallelwelten zu tun hat, warum Aristoteles für Manager attraktiv ist oder was Arendt zum Prozess um den Massenmörder Breivik gesagt hätte.

Welche Klientel kann und will man ansprechen? Ich behaupte, dass sich die meisten früher oder später philosophische Fragen stellen wie: Warum bin ich hier? Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Dürfen wir Tiere essen? Was ist ein gerechter Lohn? Insofern muss Philosophie auch ein breites Publikum ansprechen. Allerdings kann nur philosophieren, wer auch nachdenken mag. Fernsehen soll und darf aber auch einfach unterhalten. Philosophie ist also sicher nicht immer und für alle das Richtige. Philosophische Formate sollen zwar auch unterhalten und Philosophie kann durchaus witzig sein. Aber Sie werden immer nur jene ansprechen, die Lust haben, sich in ihren Meinungen herausfordern und anregen zu lassen.

Was erwarten Sie von Richard David Precht, der im ZDF eine neue philosophische Sendung machen soll? Precht hat eine grosse Gabe, Philosophie anschaulich und lebensnah zu vermitteln. Ich erwarte von ihm deshalb genau dies: Dass er Philosophie allgemein verständlich darstellt und Fragen aufgreift, die ein breites Publikum beschäftigen. Precht inszeniert sich darüber hinaus gern selber. Insofern erwarte ich vom neuen Format auch, dass der Moderator eine gewichtige Rolle spielen wird. Füllt er diese klug aus, wird diese Sendung bestimmt amüsant und lehrreich zugleich.

Welches Konzept verfolgt die «Sternstunde Philosophie»? Die Sternstunde Philosophie hat einen weiten Philosophiebegriff: Sie will anregen zum Nachdenken über die drängenden Fragen unserer Zeit. Dazu gehören ethische Probleme, politische Konflikte, gesellschaftliche Dilemmata – und natürlich auch philosophische Fragen, die wir im Dialog mit unseren Gästen herausschälen. Mir persönlich liegt es sehr am Herzen, für die Philosophie zu begeistern und eine Brücke zu schlagen zwischen der Philosophie, wie wir sie an der Universität lehren, und den alltagsphilosophischen Fragen, die uns alle umtreiben.

Kann man Philosophie überhaupt popularisieren und einem breiteren Publikum vermitteln? Oder ist Philosophie immer eine akademische Angelegenheit? Philosophie lässt sich bestens vermitteln. Anders als bei naturwissenschaftlichen Themen beispielsweise aus der Mathematik oder Chemie, deren Relevanz für unser Leben wir zuerst begreifen müssen, begleiten uns philosophische Fragen durchs ganze Leben hindurch. Schon Kinder haben philosophische Fragen. Es geht deshalb vor allem darum, in Philosophieformaten verständlich zu bleiben. Natürlich braucht es darüber hinaus auch die akademische Philosophie – sie muss und soll sich als Wissenschaft weiterentwickeln können. Und es bleibt zu hoffen, dass gesellschaftspolitische Diskurse sich immer wieder von der Philosophie befruchten lassen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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