Piepsstimme, Atombusen und Ausländerwitze

Enissa Amani übernimmt den Sendeplatz von Stefan Raab. Die 32-jährige Ex-Miss mit Migrationshintergrund hat eine Blitzkarriere hinter sich.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Es war ja schon bei Stefan Raab so, dass man einfach nicht anders konnte, als immer wieder auf sein gigantisches Gebiss zu schauen, auch wenn man sich fest vornahm, es nicht zu tun. Bei Enissa Amani haben die Fernsehzuschauer nun wieder dasselbe Problem: Bei der Premiere ihrer Pro-7-Show «Studio Amani» am vergangenen Montagabend – dem ehemaligen Sendeplatz von Raab – stach ihr Atombusen im weissen Rollkragenpulli so 3-D-mässig aus dem Bildschirm heraus, dass man nicht anders konnte, als draufzustarren. Dazu noch eine wallende Beyoncé-Mähne, ein Kardashian-Hinterteil und ein Näschen wie aus der Nachher-Kartei eines Schönheitschirurgen.

«Frauen, die so fantastisch aussehen, werden oft unterschätzt», sagte Atze Schröder bei seiner Laudatio am Deutschen Comedypreis 2015, wo die 32-Jährige in der Kategorie «Nachwuchs» gewonnen hatte. Nur: Enissa Amani versucht gar nicht erst, ihrer körperlichen Vorzüge zu verstecken, um ihrem Köpfchen bewusst mehr Raum zu lassen, im Gegenteil. Dass ihre Nase operiert ist, hat die Iranerin – sie fände den Begriff Perserin besser, denn das klinge eher nach Kätzchen als nach Sprengstoffgürtel – selbst ausgeplaudert. Das sei bei allen Frauen in ihrer ersten Heimat so. «Wir müssen uns dort verschleiern. Wenn du Arsch und Titten nicht zeigen kannst, pumpst du dir das Silikon eben ins Gesicht.»

Genau das ist Amanis Stärke: Was anderen unangenehm ist, posaunt sie laut heraus – sofern man das bei ihrer mädchenhaften Piepsstimme überhaupt sagen kann. Mit ihrer schonungslosen Art ist sie auf der Linie von derzeit besonders gefragten Komikerinnen wie Amy Schumer, Kristen Wiig, Tina Fey oder Melissa McCarthy. «Ich bin so. Die Stimme ist echt, die Tussi auch. Aber ich bin gleichzeitig die Tochter eines iranischen Intellektuellen und einer Feministin, ich bin mit Brecht und Beauvoir aufgewachsen», sagte sie in einem Interview. Mit ihrer Comedy will sie Tussi sein, aber auch politisch; ihr erstes Soloprogramm hiess «Zwischen Chanel und Che Guevara».

Themen sind Typen, Schlampen und reimende Nazi

1985 musste ihre Familie aus dem Iran flüchten, sie war zwei, als sie in Frankfurt zum Ausländerkind wurde. Kulturelle Unterschiede und Rassismus sind oft Thema in ihren Programmen, genau wie ihre politisch aktiven Eltern: Ihre Mutter, eine Ärztin, sei derart feministisch, dass Alice Schwarzer daneben wirke wie Gina-Lisa Lohfink – die Wasserstoffblondine, die erst bei Klums Topmodels rausflog, um dann mit gewachsener Oberweite ins Reality-TV-Fach zu wechseln.

Im Comedygeschäft ist Enissa Amani aber erst seit knapp zwei Jahren. Davor war sie unter anderem Miss Nordrhein-Westfalen, Flugbegleiterin, Teleshopping-Verkäuferin und Jusstudentin. Im Sommer 2013 hatte sie erste Auftritte in Cafés, woraufhin sie in der ARD-Comedysendung «Nightwash» auftreten durfte. Im Januar 2014 lud Stefan Raab sie in seine Sendung ein und im Herbst darauf erneut. Das Video des Auftritts wurde fast vier Millionen Mal angeklickt. Sie steht da im weissem Minikleid und spricht mit Mädchenstimme über Typen, Wichser, Motherfucker, Schlampen und reimende Nazis, die sie «eigentlich voll süss», finde. «Sind Nazis heute Abend hier?», fragt sie ins Publikum. «Ruhig mal melden. Ruhig mal die rechte Hand heben.» Nach ihrem 6-Minuten-Auftritt bedankte sie sich artig bei Raab und stöckelte in ihren High Heels die Showtreppe hoch.

Vergangener Montag, gleiches Studio, gleiche Zeit: Enissa Amani erschien wieder oben an der Treppe, entstieg ganz in Weiss einer Art Lift, der so stabil aussah wie eine Kartonkulisse aus einer 80er-Jahre-Fernsehshow. Danach klatschte sie aufgeregt das Publikum ab und stellte sich lächelnd neben die obligate Show-Polstergruppe. Diese gehört aber nicht mehr Stefan Raab, sondern Enissa Amani. Es ist nicht mehr «TV total», sondern «Studio Amani», montags um 23.15 Uhr. Nach Raabs überraschender Kündigung verfielen die Pro-7-Verantwortlichen wohl kurz in Schockstarre im Wissen, dass sich so ein Ausnahmetalent nicht einfach ersetzen lässt. Nun haben sie mit Enissa Amani eine verpflichtet, die so wirkt, als hätte man sie am Reissbrett entworfen. Frisches Gesicht – check. Viel versprechendes Talent – check. Migrationshintergrund – check. Frau – check! Gut aussehend: Jackpot!

Hohe Quoten und schlechte Kritiken für die Premiere

«Ich bin nicht lustig. Ich werde nur eingeladen, weil ich eine Frau bin», hatte Amani einmal in einer Comedyshow gesagt. Weil sie schlauer ist, als sie aussieht, weiss sie, dass sie damit nicht nur kokettiert. Nur wenige weibliche Comedians konnten sich in Deutschland durchsetzen, und an Anke Engelke kommt seit Jahrzehnten keine heran. Dass sie als Newcomerin eine eigene Fernsehshow auf Raabs Sendeplatz erhält, ist eine kleine Sensation. Und ein Experiment – für Pro 7 und auch für Amani. Zwei Meerschweinchen kamen in der ersten Sendung vor, mittelmässige Internet-Trouvaillen, ein Auszug aus ihrer Teleshopping-Zeit, die Verulkung eines Werbespots und – als Höhepunkt – Amani im Wortgefecht gegen einen anderen Comedian. Der Tiefpunkt: Sie katapultierte ein paar Freiwilligen eine Torte ins Gesicht beziehungsweise «in die Fresse».

Das Publikum lachte trotzdem. Auch dann, wenn es nichts zu lachen gab, etwa, als sie Donald Trumps rassistische Äusserungen wiederholte. Dann relativierte sie schnell und lächelte – was Frauen gerne tun, Comedians aber unterlassen sollten. Die Premierenkritik war hart («konzeptlos»), die Quoten hervorragend, die FacebookFreunde selig («Fucking Enissa ist soooo heissss!!!!»). Dass sie Raabs Erbe nicht nahtlos weiterführen kann, weiss die 32-Jährige selber. Aber wenn sie sich traut, nicht nur schön böse zu sein, sondern richtig böse, und noch mehr von der politischen Tochter zeigt als von der Tussi, könnte sie sich als ernstzunehmende TV-Komikerin behaupten – trotz Atombusen.

SonntagsZeitung

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