Meiner Liebe entgehst du nicht

Gestern war Harald Schmidt bei Roger Schawinski in der Sendung. Die beiden Talker waren sich in der Vergangenheit in die Haare geraten. Kam es nun zum Eklat – oder zur Versöhnung?

«Quote machen kann jeder»: Harald Schmidt bei «Schawinski».

Philippe Zweifel@delabass

«Ich wüsste nicht, wo der noch hin kann – oder wer ihm noch eine Sendung gibt», sagte Roger Schawinski über Harald Schmidt vor drei Jahren. Nun kennen wir die Antwort: Schmidt landete beim SRF. Zumindest temporär; er moderiert zwei Ausgaben des «Kulturplatz». Gestern war er ausserdem bei Schawinski und der SRF3-Talkshow «Focus» zu Gast.

Die Sendung mit Roger Schawinski sorgte im Vorfeld für Schlagzeilen. Als der Schweizer 2003 nämlich neuer Chef von Sat 1 wurde, verliess Schmidt den Sender. «Er ist der übelste Zyniker, den ich jemals getroffen habe», so Schawinskis Retourkutsche. Hier der dandyhafte Bildungsbürger, der nie aus seiner Rolle fällt. Dort der linke Empörer. Kurz: Würde es nach Schawinski - Thiel zu einer erneuten Skandalsendung kommen? Selbst für den gestandenen Talker Schawinski hätte dies wohl unangenehme Folgen.

Doch Schawinski erwies seinen Kritikern den Gefallen nicht, sondern tat, was er wohl öfter tun sollte: Er nahm sich zurück und entlockte seinem Gesprächspartner so Interessanteres, als Provokationen es ermöglicht hätten. Schmidts Verhältnis zu Intellektuellen etwa oder zu seinen miesen Quoten. Man scherzte, sah sich alte Ausschnitte aus der «Harald Schmidt Show» an. Schawinski lachte, dass ihm fast die Tränen kamen.

Verlorener Lohnpoker

Dann konfrontierte er Schmidt mit Aufzeichnungen, in denen der Entertainer sich über Schawinski lustig machte, etwa als er vor Publikum aus dessen Büchern vorlas. Schmidt gab sich versöhnlich und stellte klar, dass er Sat 1 damals nicht wegen Schawinski verliess, sondern weil er ermattet war und einen Lohnpoker mit dem neuen Eigentümer Haim Saban verloren hatte. Die Sendung wurde so fast zur Therapiestunde. Schawinskis jahrelanger Groll war offenbar nicht Schmidts Zynismus oder dessen Verachtung gegenüber dem «Unterschichtensender Sat 1» geschuldet. Auch nicht dem Umstand, dass der Deutsche ihn damals im Stich liess. Sondern dass ausgerechnet sein Idol sich über ihn mokiert hatte. «Wenn mehr Leute im Einstecken so gut wären wie im Austeilen», so Schmidts versöhnliches Fazit, «hätten wir alle viel mehr Spass.»

Und Spass hatten die beiden. Schawinski zeigte sich durchaus wendig und hielt Schmidts Tempo mit, stets darauf bedacht, sich nicht provozieren zu lassen. Sogar als der Deutsche fand, dass jeder Quote machen könne – «doch Quote ist für den Mob». Für den reichweitenbedachten Weltverbesserer Schawinski wäre das sonst die ultimative Kampfansage gewesen. Doch er lachte auch diese Provokation weg. Genauso wie Schmidts mit kratzigem Schweizer Akzent vorgetragene Anekdote über eine gemeinsame Berliner Taxifahrt, als Schawinski offenbar sagte: «Hey, fuck, ich leb nur einmal, ich kauf mir dieses Penthouse.»

Schmidts ironische Schutzschicht

Unter dem Strich mutete die Sendung etwas zahm an – auch, weil Schmidt ernsthafte Fragen wie etwa zu den Mohammed-Karikaturen kategorisch abwies. Aber um Schmidts ironische Schutzschicht zu durchbrechen, waren weder das kurze Sendeformat noch die persönlichen Umstände ideal.

Stattdessen bekamen Merkel, Putin, Günther Jauch oder Uli Hoeness ihr Fett weg sowie andere Namen, die Schawinski Schmidt zum Kommentieren vorgab. Zum Kuss-Bild mit Sommaruga/Juncker meinte der Pointen-Hexer: «Das ist wie bei Horvaths ‹Geschichten aus dem Wiener Wald›: Meiner Liebe entgehst Du nicht.» Zuletzt wollte Schawinski wissen, ob er sich «Fifty Shades of Grey» anschauen gehe. «Sex ist mir zu anstrengend», gab Schmidt zur Antwort. Fast wähnte man sich in der «Harald Schmidt Show», mit Schawinski in der Rolle von Sidekick Manuel Andrack. Vielleicht sollten die ehemaligen Streithähne damit beim SRF vorstellig werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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