Jackson-Schocker-Doku: Was man wissen muss

Gestern Abend spät zeigte SRF «Leaving Neverland». Der umstrittene Dokumentarfilm zeigt den 2009 verstorbenen Michael Jackson als Pädophilen.

Der Dok-Film «Leaving Neverland» belastet Michael Jackson schwer.
Philippe Zweifel@delabass

Gestern zeigte das Schweizer Fernsehen «Leaving Neverland» zusammen mit Pro 7 als Premiere im deutschsprachigen Raum. Die umstrittene vierstündige Doku über zwei Männer, die als Kinder nach eigenen Angaben von Michael Jackson missbraucht wurden, wirft in Amerika seit Wochen hohe Wellen. «Leaving Neverland» von Regisseur Dan Reed konzentriert sich auf die Interviews mit den zwei angeblichen Opfern, heute beide gegen 40 Jahre alt.

Die Interviews werden durch Aussagen von Familienangehörigen und Ehepartnern ergänzt. Der Film wurde vom TV-Sender HBO produziert und am Sundance Festival gezeigt. Er hinterliess ein geschocktes Publikum. Englands grösster Radiosender BBC 2 spielt keine Jackson-Songs mehr. SRF beraumte zur gestrigen Ausstrahlung auch einen ausserterminlichen «Club» an, wo der Film diskutiert wurde.

Wer sind die beiden Männer?

Der erste ist James Safechuck, der Jackson traf, als er 1986 als Zehnjähriger in einem Pepsi-Werbespot neben dem Sänger auftrat. Jackson freundete sich mit Safechucks Familie an. Es folgten Auftritte als Tänzer mit Jackson auf dessen Tournee, wo Safechuck mit dem Megastar in Hotels übernachtete. Mutter Stephanie gibt in der Doku an, dass sie ihrem Zehnjährigen erlaubt habe, in einem Bett mit Jackson zu schlafen. Safechuck sagt, dass der sexuelle Missbrauch schleichend begann und später viele Male in gegenseitigem Oralsex und Pornokonsum endete, wobei Jackson ihm auch Wein ausschenkte.

Der Pepsi-Spot mit Safechuck und Jackson.

Der zweite Mann ist der Choreograf Wade Robson, der Jackson zum ersten Mal traf, als er im Alter von fünf Jahren einen Tanzwettbewerb in Brisbane gewann. Es dauerte weitere zwei Jahre, bis sie sich wieder sahen, als Jackson die Familie Robson nach Neverland einlud. Als die Familie nach Kalifornien reiste, stimmten Robsons Eltern zu, dass er bei Jackson bleiben würde, während sie ihre Ferien fortsetzten. Robson sagt, dass der Missbrauch dann begann.

Wade Robson als Siebenjähriger.

Die schlimmste Szene der Doku?

Die Schilderungen von Safechuck und Robson lassen keine Details aus, von Onanie hin zu Analsex. Robson sagt, er habe als Siebenjähriger mit Jackson Fellatio praktiziert. Ein Audio-Mitschnitt, wie Jackson dem kleinen Wade mit Fistelstimme versichert, wie fest er ihn liebe, ist aber genauso verstörend.

Wieso schöpften die Eltern der Kinder keinen Verdacht?

Jackson war offenbar ein Meister des sogenannten «Grooming». Um an sein Ziel zu kommen, bezirzte er nicht nur die Jungen, sondern auch deren Familien: mit Konzertbesuchen, Telefonanrufen, Geschenken, Trips auf sein Anwesen Neverland. Es folgten die gezielte psychische und physische Distanzierung der Buben zu ihren Eltern, Liebeserklärungen, zunehmender Körperkontakt, Missbrauch. Dann die Beschwörung, das gemeinsame Geheimnis zu bewahren.

Wie wurde der Film in der Presse aufgenommen?

Die grosse Mehrheit der Rezensenten stuft den Film und die Aussagen der Protagonisten als glaubwürdig ein, auch wenn die endgültigen Beweise, dass Jackson die Jungs missbraucht hat, nicht vorgelegt werden könnten. Die Beweislage sei allerdings erdrückend. Viele lobten die Aufarbeitung des Groomings, also die Strategie, wie Pädophile sich ihren Opfern annähern und sie gefügig machen. In diesem Sinn sei «Leaving Neverland» nicht nur ein Film über Jackson, sondern auch über das Thema Kindesmissbrauch.

Wade Robson und James Safechuck bei TV-Talkerin Oprah Winfrey.

Was sagen die Jacksons zur Doku?

Vor der Premiere des Films gaben die Vertreter des Nachlasses eine Erklärung ab, die «Leaving Neverland» als «eine weitere reisserische Produktion in einem unverschämten und erbärmlichen Versuch, Michael Jackson auszunützen und zu kassieren» bezeichnete. Inzwischen haben sie HBO auf 100 Millionen Dollar verklagt. In Grossbritannien wollten sie die Ausstrahlung verhindern. Die Angehörigen Jacksons kritisieren, dass weder die Erben selbst noch Familienmitglieder oder Freunde um Stellungnahmen angefragt worden seien. Doku-Filmer Dan Reed kontert, dass er wenig Wert darin sehe, Perspektiven von Menschen einzubeziehen, die im Gegensatz zu Safechuck und Robson nicht wissen, was sich hinter Jacksons Schlafzimmertür abgespielt hat.

Wie war das noch mal mit dem Prozess gegen Jackson?

Jackson hatte in den 90ern ähnliche Vorwürfe eines Jungen aussergerichtlich für 23 Millionen Dollar aus der Welt räumen können – nachdem das Kind die markanten Spuren auf Jacksons Penis und Gesäss nachzeichnen konnte. Jackson litt unter Pigmentverfärbungen am ganzen Körper.

Beim zweiten Prozess im Jahr 2005 wurde er freigesprochen, wobei Wade Robson vor Gericht gar zugunsten des Popstars aussagte. Nach eigenen Aussagen, weil er nach wie vor unter dem Bann seines Idols stand. Auch der damalige Kinderstar Macaulay Culkin («Kevin allein zu Hause») war einer von Jacksons damaligen Kinderfreunden. Er bestreitet bis heute, dass Jackson sich an ihm vergriffen habe.

Nach Jacksons Tod 2009 verklagte Wade Robson zusammen mit James Safechuck die Erbengemeinschaft erfolglos: Ein Richter wies die Klagen ab und argumentierte, dass die Erbengemeinschaft nicht für das Verhalten des Sängers haftbar gemacht werden könne. Derzeit laufen Berufungsverfahren.

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