«Guet, guet, okay, okay»

Wo ist der streitlustige Roger Schawinski? Das Gespräch mit BaZ-Verleger Markus Somm zeigte: Der SRF-Talker hat sein Thiel-Trauma noch nicht überwunden.

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Christian Lüscher@luschair

Im Prinzip könnten wir diese TV-Kritik sehr kurz halten. Wir könnten nur auf dieses TA-Interview verlinken. Sie hätten auf alle wichtigen Fragen zu BaZ-Chef Markus Somm eine Antwort.

Und das ist das grosse Problem. SRF-Interviewer Roger Schawinski macht eine Sendung, die es zunehmend nicht schafft, aus den Gästen mehr herauszuholen, als man bereits über sie weiss. Der nach eigenen Aussagen beste Talker der Schweiz hat die Lust an der Provokation verloren. Er hat keinen Biss mehr.

Markus Somm wäre der ideale Gesprächspartner gewesen: Provokateur, Querdenker, Reizfigur, Geschäftspartner von Christoph Blocher, Weggefährte von Roger Köppel. Schawinski hätte streiten können. Hätte aus seinem Erfahrungsschatz schöpfen können. Hätte Somm mit Dutzenden Anekdoten aus der Reserve locken können. Es wäre ein Genuss für die Zuschauer gewesen.

Stattdessen hat Schawinski nur an der Oberfläche von Somm gekratzt. Hat das zum Gesprächsthema gemacht, was ohnehin schon bekannt war. Zugegeben, aus eigener Erfahrung weiss der Autor dieser Zeilen, dass es schon viel braucht, um einen Markus Somm zu provozieren. Somm ist ein Schnelldenker und selbst ein erfahrener Interviewer. Aber Schawinski machte aus der Begegnung ganz klar zu wenig.

Ein Beispiel: Zum Fall NZZ und zur gescheiterten Berufung zum neuen Chefredaktor sagte Somm nahezu nichts. Dabei war er und die NZZ nationales Gesprächsthema. Man erfährt nur, dass Somm gute Gespräche mit der NZZ-Spitze führte. Hier hätte Schawinski hartnäckig bleiben müssen. Denn vor ihm sass zwar der BaZ-Verleger. Aber es ist offensichtlich, dass Somm der prestigeträchtige NZZ-Posten reizt.

Auch zu Somms Rolle als Verleger und Chefredaktor erfährt der Zuschauer wenig. Höchstens, dass er offenbar glaubt, dass die «Basler Zeitung» zu den besten Zeitungen der Schweiz zähle. Es sei ihm gelungen, dass die BaZ den Lesern die Ohren zum «Gwagle» und die Augen zum Glühen gebracht habe. Dass Schawinski den Verlust der Leser so prominent dramatisiert, ist fast schon peinlich: Würden so viele Leute seine Talkshow schauen, wie Somm mit der «Basler Zeitung» verloren hat, wäre die Sendung ein grosser Erfolg.

Spannend wurde es für einen Moment bei der Frage, ob Somm Politiker werden will. «Zurzeit nicht – kann es aber für eine spätere Zeit nicht ausschliessen», so der BaZ-Chef – ein noch nie gehörtes Statement des Journalisten. Bei der politischen Sondierung wirds dann aber wieder plump. Schawinski versuchte Somm immer und immer wieder in die SVP-Ecke zu drücken, arbeitete mit Unterstellungen und schlecht recherchierten Fakten. Es zeigte sich, dass der Talker sämtliche Leitartikel des Chefredaktors nicht gelesen hat. Über weite Strecken konnte Schawinski kein Gegensteuer geben. Somm argumentierte, machte historische Exkurse. Die Zuschauer auf Twitter: «Schawinski hat sich von Somm zutexten lassen. Gelungener Propagandaauftritt.» Schawinski hört man über weite Strecken nur «Guet, guet, okay, okay» sagen. Und wenns eng wurde, rettete sich der Talker mit einem Themenwechsel. Schwach.

Für Schawinski war das Somm-Interview keine gute Eigenwerbung. Letztlich war die Sendung ein Beweis mehr, dass die SRF-Spitze dringend über die Bücher gehen muss. Seit dem Thiel-Debakel hat Schawinski den Stil verloren, der ihn lange Zeit so ausgezeichnet hat: die Provokation, die gute Vorbereitung. Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann hatte in seiner letzten «Weltwoche»-Kolumne nicht unrecht, als er schrieb: «Schawinski hatte die Erlaubnis der SRG-Oberen, seine Gäste auch unter der Gürtellinie anzugreifen. Die Erlaubnis hat er immer noch, aber er traut sich nicht mehr.»

Schawinski steckt in einem Formtief. Schade.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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