Esther Gemsch: «Ein Gang durch die Hölle»

Die Schweizer Schauspielerin erhebt schwere Vorwürfe gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel.

Esther Gemsch 2014 am Festivalvon Locarno. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Esther Gemsch 2014 am Festivalvon Locarno. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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In einem umfangreichen Dossier der aktuellen «Zeit» berichten mehrere Schauspielerinnen von systematischen Demütigungen und gewalttätigen sexuellen Übergriffen durch den deutschen Filmregisseur Dieter Wedel. Darunter ist die Schweizer Schauspielerin Esther Gemsch, einem grossen Publikum bekannt durch die TV-Sitcom «Lüthi und Blanc» (1999–2007). «Ich habe durch Dieter Wedel einen Gang durch die Hölle gemacht», sagt Gemsch. Sie war 24, als sie, damals unter dem Namen Esther Christinat, von ihrer Agentur an ein Casting für die achtteilige TV-Serie «Bretter, die die Welt bedeuten» vermittelt wurde. Regisseur Wedel engagierte sie für die Hauptrolle.

Bei den Dreharbeiten in Bad Kissingen habe Wedel sie systematisch schikaniert, abends aber Sex von ihr verlangt. Nach einer Entschuldigung habe sie an eine Entspannung der Situation geglaubt und sei ihm am Abend des 12. Dezember 1980 «blauäugig» in sein Hotelzimmer gefolgt. Dort sei er brutal über sie hergefallen. «Er setzte sich rittlings auf mich, packte meinen Kopf bei den Haaren und schlug ihn immer wieder aufs Bett, einmal auch an die Wand und dann einmal auf die Bettkante.» Mit ihrem Schal habe er sie gewürgt, «ich dachte, jetzt ist es aus».

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Irgendwie habe sie sich befreien und aus dem Zimmer fliehen können. Sie ­erlitt eine Halswirbelverletzung und ­begab sich in München in ärztliche Behandlung. Der Orthopäde Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (bekannt als Mannschaftsarzt des FC Bayern München) bezeugte gegenüber der für die Serie verantwortlichen Produktionsfirma Telefilm Saar Esther Gemschs Verletzungen, «eindeutig die Folge der Gewalttätigkeiten vom 12. 12.».

18 Frauen berichten Ähnliches

Gemsch musste die Dreharbeiten unterbrechen, sie ging nicht zur Polizei, aber zu einem Anwalt. Der schrieb an die Produktionsfirma und verlangte Schmerzensgeld; Wedels Anwalt wies alle Vorwürfe zurück. Telefilm Saar ging der ­Sache nicht weiter nach. Gemsch kehrte noch einmal an den Set zurück, musste dann aber, weil die Schmerzen nicht ­aufhörten, aufgeben. Ihre Nachfolgerin Ute Christensen berichtet im selben «Zeit»-Dossier, wie Wedel ihr gegenüber ebenfalls gewalttätig wurde. Nach ­wochenlangen Schikanen sei sie zusammengebrochen und habe eine Fehl­geburt erlitten.

Die «Zeit» stützt die Aussagen mit ­Dokumenten und befragten Zeugen und führt weitere betroffene Frauen, ins­gesamt 18 Fälle, an. Schon am 3. Januar hatten drei Frauen im «Zeit-Magazin» von Wedels gewalttätigen sexuellen Übergriffen berichtet.

Esther Gemsch hat nach den Vorfällen jahrelang nur hinter der Kamera ­gestanden und sich erst langsam «in meinen Beruf zurückgekämpft». Wedel, heute 75, äussert sich zu den neuen Vorwürfen nicht, er liegt mit Herzbeschwerden im Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen ihn wegen eines noch nicht verjährten Falls.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2018, 11:34 Uhr

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