Emil ritzte sich

Psychiatrische Notfälle nehmen bei Teenagern zu. SRF begleitete zwei Jungen, die nicht mehr leben wollten.

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Lucie Machac@liluscha

Heute würde Emil seine Probleme nicht mehr so lange geheim halten. «Das hat alles noch viel schlimmer gemacht», sagt der 15-Jährige rückblickend. Früher fühlte er sich als Mensch unzulänglich – zu langweilig für seine Freunde, zu dumm für die Schule und überhaupt grundsätzlich «unpassend», erzählt der Teenager, der sich gern einen Stern auf die Schläfe schminkt und ab und zu die Haare grün färbt.

Viele hätten sich damals von ihm abgewendet, weil er so komisch gewesen sei, Schulkollegen hätten ihn ausserdem gemobbt. Emil fühlte sich «extrem einsam». Am Morgen erbrach er sich manchmal, weil er Angst hatte, in die Schule zu gehen, und eines Tages fing er an, sich zu ritzen. «Ich wollte Erlösung von dem unguten stressigen Gefühl, das ich im Herzen hatte.» Aber er wusste auch: «Fuck, jetzt enttäusche ich wieder alle.» Irgendwann wurde ihm alles zu viel. Emil wollte nicht mehr, am besten einfach Schluss machen, mit allem.

Jugendliche suchen öfter Soforthilfe

Im Dokfilm «Jugendliche unter Druck – in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie», der am Donnerstagabend im Schweizer Fernsehen lief, begleitet Regisseurin Monica Suter zwei Jugendliche, Emil und Bene, die sich wegen Suizidalität und depressiver Zustände in Therapie begeben haben. Wie den beiden Knaben geht es nämlich immer mehr Teenagern. Jährlich suchten über 600 Kinder und Jugendliche beim Jugendpsychiatrischen Notfalldienst des Kantons Zürich Soforthilfe, heisst es im Film. In den letzten zehn Jahren haben sich die Notfallzahlen mehr als verzehnfacht, und die Zahl der stationären Behandlungen steigt ebenfalls Jahr für Jahr.

Warum das so ist, kann der Film allerdings nur pauschal beantworten. Dagmar Pauli, die stellvertretende Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich, spricht von einer allgemeinen Jugendkrise, ausgelöst durch den steigenden Leistungsdruck in der Schule und durch Vergleiche in den sozialen Medien. Gleichzeitig habe das Stigma von psychischen Problemen abgenommen, sodass sich Jugendliche immer öfter trauen würden, über ihre Probleme zu reden und sich behandeln zu lassen. So weit, so bekannt.

An der Krise wachsen

«Jugendliche unter Druck» ist dann am besten, wenn die Regisseurin auf die beiden versehrten Teenager fokussiert und sie selbst erzählen lässt, was in ihnen vorging. Denn beide gehen sehr offen mit ihrer Lebenskrise um, man merkt, dass sie daran gewachsen sind. Bene, der zweite Teenager, galt nach aussen hin als glückliches Kind, obwohl er sich ungeliebt und innerlich hässlich fühlte.

Wie Emil behielt er seine Panikattacken und Suizidgedanken lange für sich. «Das Einzige, was mich davon abhielt, mich vor den Zug zu werfen, war der Gedanke, was dann passiert, wenns nicht klappt», erzählt der heute 18-jährige Bene. Beiden Protagonisten hat eine Psychotherapie geholfen, im Leben wieder Tritt zu fassen.

Die meisten wollen nicht sterben

Bei Heranwachsenden stehen die Chancen auf eine vollständige Genesung sehr gut. «Die meisten Jugendlichen wollen nicht sterben, sie wollen aber so nicht weiterleben. Da können wir sehr vielen helfen, aus der Krise wieder herauszufinden», so Chefärztin Dagmar Pauli. Für besorgte Eltern ist dies vielleicht die wichtigste Botschaft des Dok-Films. Es gibt ein Leben nach der Krise, auch wenn man das in den schwärzesten Augenblicken nicht mehr für möglich hält.

Bene bewarb sich an einer Musicalschule in Hamburg – und wurde angenommen. Sein junges Leben macht seither wieder Sinn. Nach eineinhalb Jahren Therapie weiss er auch, wie er sich helfen kann, wenn er sich wieder schlecht fühlt. Auch Emil hat in der Tagesklinik gelernt, besser mit sich selbst umzugehen. «Es ist okay, wenn ich nicht alles kann, was die anderen können», sagt er gelassen. Dass die beiden ihren Platz in der Welt finden, scheint nur noch eine Frage der Zeit.

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