Die Wucht der Triebe

Zum Grölen und Grübeln: Am Montag startet «Seitentriebe». Die neue SRF-Serie von Güzin Kar ist lustig, traurig, echt. Und macht sehr schnell sehr süchtig.

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Also. Nele ist bald 40, ihr Mann Gianni auch. Zehn Jahre sind die beiden jetzt verheiratet, und irgendwie ist alles nicht mehr, wie es einmal war. Man fällt nicht mehr übereinander her, und Nele fragt, als Gianni ihr zum Hochzeitstag einen Geräteschuppen für den Garten zimmert, ob das eine Hundehütte sei.

Und als das Paar nach der Überraschungsparty zum Jubiläum im Bett liegt, will Nele wissen, ob Gianni die Türe abgeschlossen hat, und als Gianni sagt, er gehe jetzt raus, den Grill ablöschen, startet sie den Laptop und besucht eine Seitensprungwebsite.

Als sie mit einem Mann namens «Frosch» zu chatten beginnt und der schreibt, er sei «grün, glitschig und geil» und sich der Frosch und Nele dann gegenseitig ein Foto schicken und Nele merkt, dass der Frosch ja Gianni ist, der draussen am Handy sitzt, ja dann, spätestens dann, wissen Nele und Gianni, dass irgendetwas nicht mehr stimmt in ihrer Beziehung und eine Paartherapie vielleicht eine Idee wäre.

Oder dann: Monika. Sie ist ähnlich alt wie Nele und auch schon lange verheiratet mit Heinz, zwei Kinder hat das Paar. Der 15-jährige Sohn ist unsterblich in Monikas Freundin Nele verliebt.

Einen Orgasmus hatte Monika noch nie, und als Heinz und sie bei einem ihrer raren Tête-à-Têtes beschliessen, gleichzeitig etwas auszusprechen, das sie sich schon Jahre wünschen, aber nie zu sagen wagten, und sie sagt «Analsex» und er «Kutteln», ja dann, spätestens dann, wissen auch Monika und Heinz, dass irgendetwas nicht mehr stimmt in ihrer Beziehung.

Und schliesslich: Anton. Er ist älter als Gianni und Heinz und deren Chef in einem Labor, in dem die drei manchmal tagelang Gummienten auf ihre Widerstandsfähigkeit testen. Auch Anton ist schon lange verheiratet, mit Clara, nur schläft sie mit jungen Männern, während er in einer Rentnergruppe über seine Träume spricht oder im Garten Hanfpflanzen hegt.

Als Clara dann verunfallt und Anton auf der Bank alles Geld, das er besitzt, auf einen Schlag abhebt und mit zwei Prostituierten durchbrennt, ja dann, spätestens dann, merkt auch Anton, dass etwas nicht mehr stimmt in seinem Leben.

Die Papaya

Komplett überzeichnet, diese Figuren? Fernab der Realität, diese Geschichten? Viel zu viel Sex und nackte Haut? Zu viele schmutzige Wörter? Ja, etwas in der Art denkt man, muss man denken, wenn man liest oder hört, wer da so was treibt in «Seitentriebe», der neuen TV-Serie von Güzin Kar, die am Montag auf SRF 2 anläuft und deren Clou es ist, dass die Hauptfiguren Nele und Gianni ihre Paartherapie in die Kamera hinein absolvieren. Man sieht die beiden auf dem Sofa sitzen, sie sprechen direkt zu einem. Als Zuschauer wird man quasi zum Therapeuten. Auch das klingt, nun ja, nicht gerade revolutionär.

Und dann schaut man eine Folge, und die zweite, und die dritte und die vierte, und man will gar nicht mehr aufhören, eigentlich nie mehr, weil alles, was in «Seitentriebe» passiert, so irrsinnig ist und so lustig und so traurig und eben auch so echt.

Immer wieder erkennt man sich selbst, immer wieder erkennt man, dass man jemanden kennt, der so ist wie Nele oder Heinz oder Clara oder Anton, nur, dass dieser Jemand sein Wesen nie so ausleben würde wie diese grossartigen Seriencharaktere.

Und alles geht ­rasant voran, zu keiner Sekunde denkt man das, was man bei Schweizer Produktionen so oft denkt: Dass jetzt dann mal gut ist mit diesem Dialog oder dieser Einstellung und dass man ja jetzt eigentlich auch ein bisschen vorspulen könnte.

Bei «Seitentriebe» passiert das Gegenteil: Man ist fast froh, wenn man zwischen Grölen und Grübeln mal verschnaufen kann, wenn Güzin Kar einen Moment der Ruhe einbaut, irgendwo in dieser schmerzhaft realen Schweiz, irgendwo zwischen der Grossstadt und einem Wald, in dem Männer am Feuermachen scheitern und darum Pizza an die Feuerstelle bestellen, während sich ihre Frauen zu Hause an einer aufgeschnittenen Papaya demonstrieren lassen, wie man zielgerichtet masturbiert.

Der Heimatfilm

Natürlich kann man diesen «emotionalen Heimatfilm», wie die Regisseurin und Autorin ihre achtteilige Reihe nennen würde, «wenn es nicht so pathetisch klänge», nur sehr bedingt mit aufwendigeren Reihen wie «Wilder» (Produktionskosten: rund 5 Millionen Franken) oder «Der Bestatter» (4,2 Millionen) vergleichen. «Seitentriebe» (2,4 Millionen) ist kein Krimi, spricht schon deshalb ein weniger breites Publikum an. Und die Episoden sind nur halb so lang wie bei «Wilder» und «Der Bestatter».

Trotzdem: In der Serie von Güzin Kar gibt es im Gegensatz zu den (sehr erfolgreichen) Schweizer Krimiserien keine Fremdschämmomente, keine dröge Musik, keine Szenen, in denen man förmlich sieht, wie der Regisseur den Darstellern sagt, sie sollen jetzt drei Meter nach links laufen und dann ihr Sätzli auf­sagen, es gibt keinen einzigen ­gekünstelten Dialog.

Und: Vera Bommer als Nele ist eine Wucht, Leonardo Nigro war nie so überzeugend wie in der Rolle des bünzligen und vordergründig glücklichen Heinz. Nicola Mastroberardino als Gianni, schön, aber eben auch recht langweilig, ist eine Entdeckung. Das alles macht «Seitentriebe» zu einem der besten fiktionalen Formate, die das Schweizer Fernsehen je produziert hat.

Die Frage

Ganz zum Ende der letzten Folge sagt Nele zum Therapeuten, zum Zuschauer also: «Unsere Geschichte ist noch nicht fertig erzählt. Wir wissen nur noch nicht, ob es eine Komödie wird oder eine Tragödie.»

Bitte, liebes SRF, lasst die Zuschauerinnen und Zuschauer das herausfinden. In einer neuen Staffel. Oder zwei, oder drei! Oder zehn!

«Seitentriebe»: ab 26. Februar, jeweils am Montag, 20 Uhr, SRF 2. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.02.2018, 10:44 Uhr

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