Der publikumswirksame Traum vom Auswandern

«Auf und davon» erreicht gleich viele Zuschauer wie ein Fussball-WM-Halbfinal, «Goodbye Deutschland» ist ein Dauerbrenner. Und gerade startet eine neue SRF-Reihe über Schweizer in New York. Auswanderer-Dokusoaps spielen mit unser aller Träume.

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Es ist Abend in New York City. Modestylistin Anna Kissling aus Bern, die ein wenig aussieht wie Michelle Hunziker und auch ein wenig so spricht, sitzt auf einer Dachterrasse in Chinatown. Am Nachmittag hat sie mit ihrer besten Freundin Yesh in einer Schneiderei Entwürfe für die eigene Tunikalinie begutachtet. Die 34-Jährige glaubt, mit den Gewändern einen Trend setzen zu können, hier, in der wohl legendärsten Stadt der Welt. «Die New Yorker sind unterstützend, wenn man eine verrückte Idee umsetzen möchte», sagt Kissling, die seit sieben Jahren in den USA lebt. «Das liebe ich an dieser Stadt so.»

Harri Beutler ist 55 und spricht nicht wie Michelle Hunziker, obwohl auch er aus Bern stammt. Der Mann spricht amerikanisches Englisch mit deutlichem Schweizer Akzent. Der sei nicht schön, aber gut fürs Geschäft, sagt er. Beutler betreibt in Manhattan eine Reparaturwerkstätte für Schweizer Uhren. Er ist vor 30 Jahren im Auftrag einer Uhrenfirma nach New York gekommen. Beutler blieb. «Mir sind nur gute Sachen passiert in Amerika», sagt er.

Baggerunfall in Kanada

Beutler und Kissling sind zwei von jährlich rund 30'000 Schweizerinnen und Schweizern, die ihr Land dauerhaft verlassen. Sie sind Protagonisten der neuen, hervorragend gemachten SRF-Dokusoap «Abenteuer in New York – Schweizer im Big Apple», die am 7. August startet.

Der Dreiteiler reiht sich in eine Flut von Auswandererformaten ein, die in den letzten Jahren die deutschsprachige TV-Welt erobert haben. «Goodbye Deutschland» (Vox) zum Beispiel machte Superblondine Daniela Katzenberger zum Star, die Show läuft seit 2006. «Adieu Heimat – Schweizer wandern aus» (3+) sorgte 2011 für Furore, «Die Reimanns» (RTL2) sind Deutschlands bekannteste Auswandererfamilie.

Auf der Liste der meistgesehenen Sendungen in der Schweiz seit 2011 belegt eine «Auf und davon»-Folge vom vergangenen Januar Platz 19, ganz knapp hinter dem legendären WM-Halbfinal Brasilien - Deutschland (1:7) vom 8. Juli 2014. Sagenhafte 937'000 Menschen oder 47,7 Prozent der Schweizer TV-Zuschauer schauten damals den Auswanderern zu.

Schon 2011 wurde der Bieler Holzfäller Hermann Schönbächler zum Star, als sein Sohn Richi in einer «Auf und davon»-Folge in Kanada von einem Bagger fiel. Das Video mit der epischen «Ja Richi, i ha gseit, du söusch di guet häbe»-Szene wurde bei Youtube 450'000-mal angeklickt.

Das Beste von Papa Schönbächler:


Quelle: Youtube

Und mit 40,9 Prozent Marktanteil lief die sechste Staffel der Dokusoap in diesem Frühjahr besser als «Die grössten Schweizer Talente». Im Januar 2016 geht «Auf und davon» in die siebte Saison.

Racletteessen in New York

Auswanderer-Dokusoaps sind echte Strassenfeger. Dabei funktionieren sie nach dem simplen und immer gleichen Prinzip: Ein Kamerateam begleitet Leute, die ihre Heimat verlassen und irgendwo auf der Welt eine Existenz aufbauen. Der Kommentar dazu ist mitfühlend bis bissig, manchmal böse.

Warum fasziniert uns das derart? Es sei vor allem die Stellvertreterrolle, die die Protagonisten für uns einnehmen, sagt Medienpsychologe Gregor Waller (siehe Interview). «Sie verwirklichen Träume, die viele von uns schon einmal geträumt haben.» Zudem böten die Formate spannende Einblicke in fremde Kulturen.

Auswanderer seien «Pioniere», sagt auch Frank Senn, Redaktionsleiter der «DOK»-Serien bei SRF. «Sie brechen aus ihrem Alltag aus und beginnen ein neues Leben. Diesen Schritt zu gehen, wagen nur die wenigsten. Sendungen wie ‹Auf und davon› bieten die Möglichkeit, dieses Abenteuer hautnah mitzuerleben.»

Harri Beutler, der Berner Uhrmacher in Manhattan, hat sein Abenteuer hinter sich. Nach 30 Jahren in New York fühlt er sich längst wie ein Amerikaner. Die Schweiz aber ist ihm noch immer nah. Am Wochenende lädt er gerne Freunde zum Raclette ein. Und seiner amerikanischen Gattin hat er beigebracht, Rahmschnitzel und Schinkengipfeli zuzubereiten. Dass sie Heidi heisst, ist allerdings Zufall.

Berner Zeitung

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