Tatort: Eine Folge, die wehtat

Jürg Mosimann, ehemaliger Sprecher der Kantonspolizei Bern, meldet sich in unregelmässigen Abständen zum «Tatort» zu Wort.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ganz ehrlich: So habe ich noch keine neunzig «Tatort»-Minuten durchlebt. Ich habe mir nämlich keines der kleinen verführerischen Schokoladeeiern auf dem Salontisch in den Mund gestossen. Ich habe auch die spanischen Nüsse in Ruhe gelassen. Ich habe mir keine Notizen über fehlende Logik oder über offensichtliche Abweichungen von realer Polizeiarbeit gemacht. Und – ich habe mir auch kein kühles Blondes aus dem Kühlschrank geholt. So heftig ist mir noch kein «Tatort» eingefahren.

In der Folge «Im toten Winkel» ging es um die Problematik der häuslichen Pflege. Regisseur Philip Koch und Drehbuchautorin Katrin Bühlig haben sich auf drei Fälle fokussiert. Da war der alte Mann, der seine schwerst kranke Frau mit einem Kissen erstickte und sich selber umbringen wollte. Da war der junge Ehemann mit seinem kleinen Sohn, der seine Frau nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma zu Hause versorgte. Und da war die Tochter, die während Jahren ihre stark demente Mutter pflegte und dabei immer wieder an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit stiess. Da wurde geschrien, gezetert, genervt und sogar auch geohrfeigt. Nebst den vielen Emotionen und menschlichen Schicksalen blieb für den eigentlichen Mordfall kaum mehr Platz.

Ich glaubte schon fast nicht mehr daran, aber den Mord gab es tatsächlich auch noch.

Und genau dieses Tötungsdelikt brauchte es, um die Bremer Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und ihren Kollegen Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) auf die Spur einer Pflegemafia zu bringen. Eine Organisation, welche die Notlage von Patienten und Angehörigen skrupellos ausnützte und mit Tricks und nicht erbrachten Leistungen Millionen ergaunerte. Trotzdem wurde ich den Verdacht nicht los, dass die Filmemacher den gewaltsamen Tod in ihre Story nur eingebaut haben, um dem Film doch noch einen leisen Anstrich von Krimi zugeben.

«Im toten Winkel» war bestimmt nicht der beste «Tatort» aller Zeiten, vielleicht aber der gesellschaftlich relevanteste – auch wenn es zuweilen richtig wehtat, hinzusehen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.03.2018, 07:59 Uhr

Jürg Mosimann

Artikel zum Thema

Blutiger Bruderzwist

Jürg Mosimann, ehemaliger Sprecher der Kantonspolizei Bern, meldet sich in unregelmässigen Abständen zum «Tatort» zu Wort. Mehr...

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Blogs

Blog: Never Mind the Markets Was ist los in den USA?

Mamablog Wie binär denken unsere Kinder?

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Haar um Haar: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel aus Dachshaar. Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...