Wer will das sehen?

«Queen of Drags»: Heidi Klum stöckelt gerade auf der wilden Seite. Absturzgefahr: gross.

Inszeniertes «Tuntengezicke»? Szene aus «Queen of Drags». (Youtube/Queen of Drags)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

An Männer mit langen Haaren hat sich die liberale Gesellschaft gewöhnt, Rock ’n’ Roll sei Dank. An Männer in extravaganten Frauenkleidern dagegen – eher noch nicht so sehr.

Überraschend stellt nun ausgerechnet der Privatsender Pro 7 die Dragqueens ins Rampenlicht. «Queen of Drags» heisst die Show, die letzte Woche zur besten TV-Zeit angelaufen ist. Vorbild ist die Sendung «RuPaul’s Drag Race», die in den USA erfolgreich war.

In der Eröffnungsszene von «Queen of Drags» sind die Drag-Künstlerinnen in einer – O-Ton – «supergeilen» kalifornischen Villa zu sehen, wo sie nun an ihrer Ausmarchung teilhaben dürfen und dabei irgendwie freundschaftlich bleiben sollen.

Obligate Abschminkkatharsis

Auch sonst surrt der gewohnte Casting-Plot ab: Die Kandidaten leben zusammen und trösten sich, und bald tritt der Fiesling auf, der in der Truppe für Zoff sorgt und auf den gepolsterten Plätzen für Schadenfreude. Wie üblich wird zum Schluss jemand abgewählt, was jeweils eine tränenreiche Abschminkkatharsis garantiert. In der fixen Jury sitzen Conchita Wurst, der als Frau mit Bart den Eurovision Song Contest gewann, der androgyne Sänger Bill Kaulitz – und Heidi Klum. Kaulitz’ Schwägerin also, Ex-Topmodel und bisher als unbarmherzige Drillmeisterin von Deutschlands angeblich nächsten Topmodels bekannt.

Die Frau musste sich vor der Sendung einiges anhören. Sie habe «absolut keine Ahnung» von Drag, so die Anti-Klum-Petition «Kein Foto für Heidi», und eigne sich nicht als Jurymitglied, weil: «heteronormative weisse Frau».

Endlich die Bühne bieten

Die Resonanz nach der ersten Show war dann milder. Klum hatte die Kritik angesprochen, sich einfühlsam und zurückhaltend gezeigt, als ältere Frau eines jüngeren Mannes eigene Diskriminierungserfahrungen ins Gespräch gebracht. Im Trailer hatte Pro 7 geschickt einen Avantgarde-Anspruch geltend gemacht und die Dragqueens entsprechend inszeniert: «Drag bedeutet für mich, gesellschaftliche Normen zu überdenken.» Heidi Klum sagt, ihre Sendung biete Dragqueens «endlich die Bühne, die sie schon lange verdient haben».

Klum (links) mit Gastjurorin Olivia Jones. (Instagram/heidiklum)

Bleibt die Frage: Wer schaut sich das an? Und warum? Aus Neugierde für die Menschen, ihre Biographien, ihre Performance- und Verkleidungskunst – oder aus Spott über ein grell ausgeleuchtetes «Tuntengezicke», wie Margot Schlönzke auf Focus vermutet? Die Travestiekünstlerin, die «Kein Foto für Heidi» lanciert hat, fordert nach wie vor Klums Auswechslung.

Den Unbill aus der queeren Community hat Klum schon, nun droht ihr auch noch Ärger vom Sender. Denn die Quote der ersten Show war wenig berauschend, 1,5 Millionen schalteten ein – deutlich weniger als in jeder Episode der letzten Staffel von «Germany’s Next Topmodel».

«Queen of Drags», jeweils donnerstags um 20.15 auf Pro 7

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