«Tatort»-Kritik

TV-Kritik: Viel zu blond

«Tatort»-KritikDer gestrige «Tatort» drehte sich um eine wahre Geschichte aus dem Milieu von illegalen Bauarbeitern. Schade, peppte man den Krimi mit allerlei Klischees auf.

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Auf einer Tiroler Baustelle hängt ein erschlagener Bauunternehmer wie eine Trophäe an einem Kran. Bestimmt ist der arrogante Sohn des Bauunternehmers der Mörder. Oder die junge, blonde, geldgierige Witwe. Die abservierte Ex-Frau? Der schmierige Journalist, der überall auftaucht? Mit dem stimmt etwas nicht. Sind es vielleicht doch die hungernden mazedonischen Schwarzarbeiter? Oder der untergetauchte Subunternehmer, der vom Bauunternehmer reingelegt wurde?

In der «Tatort»-Folge «Lohn der Arbeit» kommen einige als Mörder in Frage. Alle haben ein Motiv, alle sind irgendwie schuld. Eine ohnmächtige Schwere liegt über dem österreichischen Krimi, der sich anfühlt wie ein verregneter Sonntag, bevor am Montag die Arbeit wieder losgeht.

Das Leben schreibt das Drehbuch

Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer), der als Sonderermittler aus Wien angereist ist, hat es nicht leicht. Entsprechend übel ist seine Laune. Das hat auch damit zu tun, dass sein Tiroler Kollege Pfurtscheller so ganz anders ist als er. Auch sonst fühlt der Wiener sich fremd. «Für die Tiroler sind wir Wiener Ex-Jugoslawen», meint er. Dass er wegen eines Treppensturzes an Krücken gehen muss und er sich mühsam durch das Geschehen schleppt, passt erst recht zur allgemeinen Stimmung. Doch was will uns der Drehbuchautor mit den Krücken sagen?

Nichts. Google weiss: Schauspieler Krassnitzer ist auch im richtigen Leben eine Treppe hinabgestürzt und hat sich dabei die Patellasehne schwer verletzt. So wurden die Folgen des Unfalls kurzerhand ins Drehbuch eingebaut. Auch der gestrige «Tatort» ist – abgesehen vom Mord — an eine wahre Geschichte angelehnt, die sich vor rund 15 Jahren im Tirol zugetragen hat. Dort mussten mazedonische Schwarzarbeiter auf einer Baustelle schuften und nachts hungernd und frierend in Baucontainern ausharren. Lohn bekamen sie keinen. Als die Geschichte aufflog, wurden sie in die Heimat abgeschoben. Die Dorfbewohner sammelten Geld, ein Vater zweier Abgeschobener wollte die Spende später im Dorf abholen. Alles wie im Krimi, der sich ebenfalls im Schwarzarbeitermilieu abspielt.

Zu viele Klischees

«Unsere Wirtschaft ist eine Schattenwirtschaft», sagt der Finanzbeamte, der die Missstände aufzudecken versucht. Ein Problem, das nicht nur Österreich betrifft, sondern genauso Deutschland und die Schweiz. Ohne Schwarzarbeiter mit Billiglöhnen würden wohl viele Wirtschaftszweige nicht funktionieren. Dagegen ankämpfen kann oder will niemand. «Was gehen mich abgeschobene Schwarzarbeiter an – vom vorigen Jahr», sagt Kommissar Pfurtscheller. In «Lohn der Arbeit» hat der Drehbuchschreiber ein latentes Problem behandelt und auch optisch war das Thema gut umgesetzt. Die engen Gassen, die in der Vogelperspektive gefilmt wurden, passten zur bedrückenden Situation. Die Menschen bewegten sich darin wie in einem ausweglosen Labyrinth.

Dummerweise beliess es der Autor nicht bei der wahren Gegebenheit und übertrieb es mit den Klischees und Handlungen: Der Journalist war übertrieben dreist, die Witwe viel zu blond und triebgesteuert, die Testamentseröffnung zu dramatisch. Dazu noch die Schwangerschaft, der arrogante Sohn, die geschwätzige Hotelangestellte, der schmierige Subunternehmer. Ganz und gar überflüssig war jedoch die Nebenhandlung mit Kommissar Pfurtschellers demenzkranker Mama, die ihn ständig auf dem Handy anrief. Das Thema Demenz ist viel zu gewichtig, um es nebenher in einen Krimi einzustreuen, vor allem wenn es – wie im gestrigen «Tatort» – an der Grenze zur Posse geschieht.

Bei all dem Unrecht um die armen Schwarzarbeiter war es zudem beinahe egal, wer den geldgierigen Bauunternehmer umgebracht hatte, was sich negativ auf die Spannung auswirkte. Jeder hätte ein nachvollziehbares Motiv gehabt. Am Ende waren ausgerechnet diejenigen am Mord beteiligt, die sich mit am stärksten für die Schwarzarbeiter eingesetzt hatten: Der gutmütige Finanzbeamte sorgte unabsichtlich für den Assist zum Mord, der Journalist für den finalen Todesschlag. «Es ist einfach so passiert», meinte dieser. Ein plumpes wie bezeichnendes Ende in solch einem Milieu. Schuld ist irgendwie niemand und gleichzeitig jeder. Der Mörder ist gefasst, das Unrecht geht weiter. Und so endete «Lohn der Arbeit» so schwer, wie ein verregneter Sonntag, bevor es am Montag wieder mit dem Alltag weitergeht. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.08.2011, 10:08 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

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