TV-Kritik

TV-Kritik: Trotz hoher Sterberate konventionell

TV-Kritik«Todesspiel», der neue «Tatort» aus Konstanz, zeigte einen Provinzdandy, der grosse böse Welt spielen wollte. Auch dabei: Eine Art Konstanzer Küblböck.

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Der Konstanzer ist definitiv nicht mein Lieblings- «Tatort». Es ist allzu schade, zusehen zu müssen, wie die so vielseitige, vitale und attraktive Eva Mattes in die Rolle der tantenhaften Kommissarin Klara Blum eingezwängt wird. Auch die asymmetrische Anrede («Du, Perlman – Sie, Frau Blum») ist längst nur noch albern. Nun ja. Auch «Todesspiel» ist kein Gipfel des Sonntagabendkrimis. Aber auch kein Tiefpunkt. Ein bisschen langfädig, ein bisschen konventionell, mit den üblichen biederen Dialogversatzstücken und nur gelegentlich einer Prise Schlagfertigkeit (Frage an die Putzfrau: «Ist Ihnen irgendwas aufgefallen?» Antwort: «Der Herr Wolters liegt sonst nicht tot auf dem Boden».)

Konstanz ist nicht der wilde Süden Deutschlands, aber hier spielte ein Provinzdandy wenigstens grosse böse Welt – worunter er sich strömenden Champagner, öfter eine Prise Koks, Sex mit Handschellen und ein paar riskante Spiele vorstellte (Russisch Roulette – dass man das im Deutschen Fernsehen noch einmal erleben darf!) Das macht natürlich nur im Kreise Abhängiger Spass. So hielt Benjamin Wolters, Erbe und Schönling von Beruf, Hof und quälte seine Höflinge, wenn ihm danach war. Eine Situation, die für einige Motive und gleich viele Verdächtige gut ist, allerdings nicht für die daraus eigentlich folgende Aufklärung qua Verhör. Die Champagnerrunde einzeln ausquetschen und sie mit Widersprüchen konfrontieren: Das wäre nicht nur gute alte Krimi-Tradition, sondern sogar normale Polizeiarbeit. In Konstanz reicht es aber offenbar, dass ein Verdächtiger die Kommissarin mit dem Satz «Das Gespräch ist hiermit beendet» die Aussage verweigert und darauf verweist, seine Firma verbiete ihm, mit der Polizei zu sprechen.

Perlman undercover

Seltsame Firmen muss es in Konstanz geben. Und seltsame Polizisten: Denn Klara Blum nimmt es sprachlos hin. Zum Glück hat Duz-Assistent Perlman privat Zugang zur Clique des Toten gefunden, was zu einer hohen Spesenrechnung und einer anhänglichen Blondine führt; undercover light und zwei Handlungsfäden, von denen nur der erste weitergeführt wird.

Das etwas müde und mufflige Ermittlerduo konnte glücklicherweise halbwegs kompensiert werden durch scharf gezeichnete Typen unter den Verdächtigen und scharf zeichnende Darsteller – Anna Bederke spielte eine Bosnierin mit doppeltem Boden und Daniel Roesner einen abgehalfterten Casting-Showstar, eine Art Konstanzer Küblböck. Beiden hätte man gern länger zugesehen, anderen weniger.

Am Schluss sind es vier Tote. «Hamlet» ist nicht wegen der hohen Sterberate so gut, wie er ist. Umgekehrt hilft sie diesem «Tatort» auch nicht wirklich.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2014, 21:47 Uhr

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