TV-Kritik: «Man soll nicht arschkriechen»

TV-Kritik

Roger Schawinski empfing Andrea Bleicher, die den «Blick» nach viel Wirbel verlassen hatte. Das Gespräch bot wenig Substanzielles, dafür knackige Zitate – und einen möglichen Hinweis auf ihren nächsten Job.

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Christian Lüscher@luschair

Es ist sicher nicht falsch, zu sagen, dass die Causa Bleicher nur Verlierer kennt. Da ist das Verlagshaus Ringier, welches über Wochen in den Schlagzeilen stand und in der Personalkommunikation alles andere als souverän agierte. Da ist die «Blick»-Redaktion, die sich hintergangen fühlte und einen «Aufstand» plante. Und da ist auch die Protagonistin Andrea Bleicher: Die erste Chefin des «Blicks», die nach fünf Monaten den Sessel wieder räumen musste.

Die Causa Bleicher sorgte weit über die Schweizer Landesgrenze hinweg für Gesprächsstoff. Auch weil noch nicht klar ganz klar ist – selbst auf der «Blick»-Redaktion –, warum Bleicher gehen musste. Daher horchte man auf, als Roger Schawinski via SRF-Newsletter verkündete, wen er bald in seiner Sendung begrüssen dürfe: Andrea Bleicher. Was sagt sie über ihren unglücklichen Weggang? Ihre Version wollte man hören.

Wer eine direkte und laute Abrechnung mit der Ringier-Führung erwartete, der lag fehl. Wenn, dann platzierte Bleicher die Kritik subtil. Das Gespräch startete wie erwartet mit Schawinkis Einstiegsklassiker «Wer bist du?». Bleicher antwortete: «Ich bin Journalistin, Punkrockfan, ich mag Menschen und habe es gerne, wenn man ehrlich ist zu mir.» Hier war die erste Salve. Und Schawinski hakte gleich nach, ob Bleicher in letzter Zeit genug Ehrlichkeit erfuhr? «Mehr oder weniger», so Bleicher.

«Bei Frauen gehts manchmal schneller»

Der Einstieg stand stellvertretend für das ganze Gespräch. Schawinski stellte die unangenehmen Fragen, Bleicher übte sich in Zurückhaltung. Wann immer Schawinski Bleicher mit heiklen Fragen konfrontierte, um mehr über ihr Weggang beim «Blick» zu erfahren, blockte Bleicher mit schlagzeilenwürdigen Antworten: «Auch andere Verlagshäuser haben schöne Zeitungen», «Some you win, some you lose» (Anmerkung der Redaktion: Zitat korrigiert), «bei Frauen gehts manchmal schneller», «ich weiss es nicht».

Waren die verbalen Antworten Bleichers auf ein Minimum reduziert, war der nonverbale Auftritt schon vielsagender. Bleicher wirkte zappelig. Der Zuschauer merkte, dass hier eine Person im Studio sass, die ihre berufliche Niederlage eigentlich noch nicht verarbeitet hat. Entsprechend waren die ersten Reaktionen auf Twitter: «Gewisse Personen sind weniger TV-tauglich.» Oder: «Ich versteh, warum die Frau nicht Chefredaktorin des ‹Blicks› wird. Ihr fehlt einfach die Reife.»

Meyer und Walder im Fokus

Da gab es aber auch die äusserst selbstbewussten Momente Bleichers. Als Schawinski fragte, was Bleichers grösster Fehler war, sagte sie: «Ich habe nichts falsch gemacht.» Als Schawinski entgegnete, sie habe dem langjährigen Ringier-Publizisten Frank A. Meyer keine Ehre erwiesen, sagte Bleicher: «Meine Eltern erzogen mich, man solle nicht arschkriechen.» Und Sekunden später schiebt sie nach: «Es gibt Leute, mit denen ich lieber essen gehe.»

Mutig sind solche Statements, aber möglicherweise auch leichtsinnig. Bleicher sparte nicht. Über Ringier-Chef Marc Walder, der ihr publizistische Schwächen in Wirtschaftsthemen und gesellschaftspolitischen Fragen attestierte, sagte Bleicher: «Das Ende einer Arbeitsbeziehung ist vergleichbar mit der Ehe. Es gibt Momente, bei denen der eine Partner etwas Blödes sagt.»

Wichtigste Fragen unbeantwortet

Bleicher ist direkt. Das wirkt frisch und jugendlich. Doch streckenweise fragte man sich auch: «Verantwortete diese Frau tatsächlich den ‹Blick›?» Denn es fehlt ihr am berühmten Fingerspitzengefühl, das gestandene Persönlichkeiten aus der Medienbranche an den Tag legen; sich bestimmt, aber souverän auszudrücken. Ein Beispiel dazu: Angesprochen auf eine falsche Schlagzeile in der Zeitung, antwortet Bleicher: «En riese Scheiss.»

Auf die wichtigsten Fragen, warum Bleicher den «Blick» verlassen musste und wie sie die Absetzung tatsächlich erlebte, kamen wenig aufschlussreiche Antworten. Schawinski versuchte es mit allen Tricks, provozierte und deckte Bleicher auch mit fiesen Fragen und Fakten ein, zurück kam – wie anfangs erwähnt – selten was Substanzielles.

Ein Job in Deutschland?

Aufschlussreich war höchstens, dass Bleicher von sich sagt, sie lasse sich nicht mit Geld locken. Sie denkt, dass die Ringier-Führung sie wohl nicht verstanden habe. Und man erfuhr im Laufe des Gesprächs, dass es bei Bleicher selten Raum für Kompromisse gibt. Das hat sie offenbar von Sheryl Sandberg. Das Buch «Lean In» des Facebook-COO ist so quasi Bleichers Wertekompass.

Was bleibt von diesem Gespräch inhaltlich hängen? Abgesehen von ein paar einzelnen Zitaten leider wenig. Auch Neuigkeiten gabs praktisch keine. Höchstens, dass Bleicher es nicht ausschliesst, ihren nächsten Job im Ausland – konkret in Deutschland – anzunehmen. Entsprechende Gespräche wurden offenbar schon geführt. Ein Twitter-User fasste das Treffen Bleichers mit Schawinski so zusammen: «Bleicher wirkte wie eine Lehrerin, die ihren ersten Elternabend organisiert. Etwas hibbelig.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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