TV-Kritik: Gebt mir mein Wunschkind

TV-Kritik

Wer bestimmt in der Schweiz die erlaubten Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin: Die kinderlosen Paare? Der Staat? Die Ethiker? Im «Club» trafen die Fraktionen aufeinander.

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Gabriela Braun@tagesanzeiger

Bislang durfte man für eine künstliche Befruchtung gespendete Samen verwenden – nicht aber fremde Eizellen. Doch das soll sich ändern. Geht es nach den Empfehlungen der Nationalen Ethikkommission, sollen ungewollt kinderlose Paare mehr nachhelfen dürfen: Eizellspende und Leihmutterschaft sollen bald auch in der Schweiz erlaubt sein – genauso wie das Spenden von Embryonen. Dies würde wohl bedeuten, dass etliche Paare – Fachleute sprechen von mehreren Hundert – für die entsprechenden medizinischen Behandlungen nicht mehr ins Ausland reisen würden. Denn in Spanien, Dänemark oder Deutschland sind die Gesetze der Fortpflanzungsmedizin seit Jahren wesentlich liberaler.

Eine entsprechende Änderung der Schweizer Gesetze wäre für viele Paare deshalb eine grosse Erleichterung, war sich die Mehrheit der Gäste im gestrigen «Club» einig: Zum Beispiel für jene anonyme Frau P., deren Erzählung schon nach wenigen Minuten in die Diskussionsrunde eingespielt wurde. Die Frau will nach Spanien reisen und hofft, dort mithilfe einer Eizellspende endlich schwanger zu werden. «Das wäre mein grösster Traum», sagte sie. Das Ehepaar im Studio, Janine und Ataman Tasburun-Lässer, verstand die zitierte Frau gut. Auch sie wissen, was es heisst, lange Zeit kein Kind zu bekommen. Sie versuchten es mithilfe einer künstlichen Befruchtung. Beim dritten Versuch wurde die Frau mittels In-vitro-Fertilisation schwanger. Heute sind sie glückliche Eltern von zwei im Labor gezeugten Kindern.

Die Definition von Gesundheit

Michael Hohl, Fortpflanzungsmediziner und Gynäkologe, hat seit Jahren täglich mit solchen Paaren zu tun. Für ihn ist es nur logisch, dass man auch bei Kinderwunschbehandlungen die Möglichkeiten der heutigen Medizin und Technologie ausschöpfen sollte. Bislang seien Paare in dieser Hinsicht diskriminiert worden, sagte Hohl in der Sendung mehrfach. Wie weit ein Paar gehen wolle, um sich fortzupflanzen, soll allein seine eigene Entscheidung sein: «Jedes Paar hat ein Recht, seinen Kinderwunsch zu verwirklichen.» Auch junge Frauen, die zum Beispiel keine Gebärmutter hätten, sollten die Möglichkeit haben, mithilfe einer Leihmutter Mutter zu werden.

Doch was für zahlreiche Mediziner und kinderlose Paare nach einem Segen klingt, stösst bei der Ethikerin und Theologin Ruth Baumann-Hölzle auf massive Kritik. Sie gehört zwar jener Ethikkommission an, welche die neuen Empfehlungen erlassen hat. Dennoch bekämpft sie diese vehement. Sie bezeichnete sie im Talk als ethisch und moralisch verwerflich. «Damit ist der Weg frei für einen industriellen Umgang mit menschlichem Leben.» Die Ethikerin befürchtet eine zunehmende Selektion von Menschen. Denn wichtige gesellschaftliche Fragen, die man im Zusammenhang mit der Fortpflanzungsmedizin stellen müsse, seien noch überhaupt nicht geklärt: Was etwa bedeuten die Änderungen für die künftigen Generationen? Wie viel Selektion bei der Auswahl von Eizellen und Embryonen ist erlaubt? Ab wann gilt ein Kind als nicht gesund? Die Definition von Gesundheit sei in diesem Zusammenhang elementar.

Baumann-Hölzle verwies zudem auf die moralische Verpflichtung gegenüber den involvierten Menschen wie den Leihmüttern und den Eizellspenderinnen. Es zeige sich schon heute, dass Frauen dies häufig wegen des Geldes täten. Baumann-Hölzle befürchtet deshalb, dass etwa ein Handel mit Eizellen entstehen könnte – oder sogenannte Frauen-Farmen, in denen Leihmütter für andere Frauen Babys austragen würden. Die Einwände der Ethikerin taten der ansonsten eher homogenen Diskussionsrunde gut. Sie liess sich von gehässigen Zwischenrufen des Mediziners Hohl nicht aus der Ruhe bringen («Völlig abwegig! Das stimmt schon wieder nicht») und stellte wichtige Fragen.

Ungewisse Risiken

Die Realität des Fortpflanzungstourismus in anderen Ländern anerkannte allerdings auch sie. Fakt ist: Unzählige Paare, die mit allen Mitteln ein Kind bekommen möchten, scheuen sich nicht davor, dafür auch in ausländische Kliniken zu reisen. Gemäss der Psychologin Misa Yamanaka besteht dann die Gefahr, dass sich Frauen ungewissen Risiken ausliefern. «Und dies nur, weil dieselben Verfahren in der Schweiz nicht angeboten werden.»

Das Thema der Gesprächsrunde war breit und komplex. Die Moderatorin Karin Frei aber schaffte es, die Diskussion interessant und verständlich zu halten. Wie die Debatte zwischen medizinsch-technischer Machbarkeit und ethisch-moralischen Bedenken weitergeht, wird sich zeigen. Die Sendung machte dem Zuschauer aber deutlich, wie sehr der Druck von Paaren und Medizinern auf dem Gebiet zunimmt: Weil es mehr medizinische Möglichkeiten gibt, den Kinderwunsch zu erfüllen, ist die Erwartungshaltung allgemein viel grösser, Nachwuchs zu bekommen. Viele Paare wollen nichts unversucht lassen und alle Möglichkeiten ausschöpfen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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