TV-Kritik: Ein heikles Terrain

TV-Kritik

Was sagt der Massenmord von Norwegen über den Täter aus? Über die Politik – und über uns? Der gestrige «Club» suchte «nach Erklärungen für das Unerklärbare».

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Die Gesprächsrunde wird von Mattea Meyer, Vizepräsidentin Juso Schweiz, eröffnet. Man nimmt der jungen Frau, die selber Jugendcamps organisiert, ihre Betroffenheit ohne Zweifel ab. Dennoch, schnell lässt ihr Plädoyer erahnen, was in den kommenden Monaten des Wahlkampfes (in ganz Europa) auf uns zukommen wird. Zu brisant, zu einzigartig in ihrer Grausamkeit ist Anders Breiviks Tat, um sie nicht politisch auszuschlachten. Die Linke wird auf ihre Opferrolle pochen, während die Rechte die Schuld der liberalen Weltordnung zuschieben und restriktivere Gesetze fordern wird.

Ein heikles Terrain und zum jetzigen Zeitpunkt pietätlos. Deshalb wechselt Röbi Koller schnell die Perspektive und lässt Gisela Mayer zu Wort kommen. Sie hat ihre Tochter vor zwei Jahren beim Amoklauf von Winnenden verloren und durchlebe nun alles noch einmal, wenn sie die Bilder von Polizisten und getöteten Menschen sehe. Auch der ehemalige Regierungsrat aus Zug und Opfer des Zuger Attentats 2001, Hanspeter Uster, bestätigt: «Es gibt ein ‹Vor› der Tat und ein ‹Danach›».

Keine vergleichbaren Fälle

So tragisch dies auch ist, die Trauer und Verzweiflung der Überlebenden und Hinterbliebenen können wir noch am ehesten nachvollziehen. Wirklich unbegreiflich ist, wie jemand so etwas tun kann: «Was ist das für ein Mensch?», eine Frage, die mehrfach fällt.

Der Täter passe schlicht in kein Raster. Nicht mal politisch. Zwar deklariert als rechtsradikal und christlicher Fundamentalist, ist es jedoch das erste Mal, dass ein Rechtsextremer ohne antisemitisches Gedankengut argumentiert, so der Rechtsextremismusexperte, Hans Stutz.

Auch der Forensiker Josef Sachs wurde noch nie mit einem vergleichbaren Fall konfrontiert. Er glaubt allerdings nicht, dass Breivik unzurechnungsfähig sei. Dafür sei die Tat zu lange und raffiniert geplant. Ein Geisteskranker bleibt nicht neun Jahre lang beharrlich am Ball.

Eine Nachricht, die einerseits Genugtuung hervorrufe; wenn er normal funktioniere, dann werde er doch eines Tages begreifen, was er getan habe und aus seiner kaum erträglichen Teilnahmslosigkeit aufschrecken, denn das sei das Schlimmste, sagt Mayer. Sie ist froh, dass der Mörder ihrer Tochter tot ist. Andererseits wäre eine Geisteskrankheit die einzig irgendwie verständliche Erklärung.

Ein Angriff auf die Demokratie

Ohne falsches Pathos stellen sich der Moderator des Clubs und seine Gäste die Fragen, die sich zurzeit jeder stellt und auf die niemand eine Antwort hat. Vielleicht nie haben wird. Aber das ist auch nicht das Ziel der Sendung. Vielmehr sollen Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen mit ihren Erfahrungen die Mosaiksteinchen an Informationen zusammenfügen. Der erste Schritt in der gesellschaftlichen Verarbeitung des Massenmordes. Immer in dem Bewusstsein, dass Ferndiagnosen heikel sind.

Als die Diskussion auf die politische Verantwortung schwenkt, wendet der Experte für Rechtsextremismus Hans Stutz ein: «Die Wahrscheinlichkeit eines ähnlichen Verbrechens ist minim.» Und so wiegelt auch Uster das Verlangen nach mehr Staatsschutz ab: «Es genügt, wenn die bestehenden Gesetze vollzogen werden.» Schliesslich ist es das Ziel aller Terroristen, mit ihren Opfern die ganze Gemeinschaft in Angst und Schrecken zu versetzen und die Vorzüge einer demokratischen, liberalen und offenen Gesellschaft einzuschränken.

Eine ungeheure Marketingaktion

Eine weitere Frage, die sich aufdrängt, ist diejenige nach der Reaktion der Öffentlichkeit. Wie soll man damit umgehen? Ist es wichtig, die Tat öffentlich zu verarbeiten, oder bietet man damit einem Massenmörder die Plattform für seine abstrusen Ideen? Auch hier findet sich keine klare Gebrauchsanleitung. Die Argumentation des Journalisten Hans Stutz leuchtet allerdings ein: «Je mehr man den Täter abschottet, desto mythischer wird sein Andenken.»

Trotzdem, erinnert die Dozentin für Ethik und Hinterbliebene Gisela Mayer: «Auch mit dieser Sendung folgen wir genau seinem Willen», schliesslich war der Massenmord gemäss Breiviks eigener Aussage nichts als eine grässliche Marketingaktion für sein 1500-seitiges Pamphlet, das nun prominent in der Öffentlichkeit kursiert.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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