TV-Kritik: «D Schwiiz isch e tolli Sach»

TV-Kritik

Ängste und Zukunftsvisionen von jungen Menschen sollten ergründet werden. Stattdessen war der «Club Extra» eine Dauerwerbesendung für das vermeintliche Paradies Schweiz.

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Der Titel der Sendung versprach Gewaltiges: Man erwartete actiongeladene Stunden, in denen junge Rebellierende anmassende Forderungen an alte Beamte stellen. Schüler, Lehrlinge und Studenten, die mit der Faust auf das Beistelltischchen hauen und ihrer Elterngeneration ins Gesicht sagen, wie viel Angst und Sorgen ihnen die Zukunft bereitet. Pickelgesichter gegen grau melierte Haarschöpfe. Zwischen den verhärteten Fronten die gestrenge Lehrerin Maier und der verständnisvolle Sozialarbeiter Röbi.

Was man zu sehen bekam, war denn auch Schweizer Streitkultur vom Feinsten: sehr viel Schweiz, ein bisschen Kultur und keinen Streit.

Vielfalt, wohin das Auge reicht

Gleich zu Beginn wurde das Bild eines vielfältigen, bunten und offenen Landes mit einer gewaltigen Naturschönheit gezeichnet. Ein Land, in dem es Platz für alle hat, in dem junge Einwanderer herzlich willkommen sind und das Zusammenleben reibungslos funktioniert.

Vom (immerhin jungen) Debattiermeister bis hin zum ehemaligen Schwingerkönig, alle waren sie sich einig: Die Schweiz bedeutet Vielfalt, ein Nebeneinander von Kulturen, Internationalität und Toleranz. Fast glaubte man sich auf dem falschen Gebührensender, bis die Moderatorin nach zehn Minuten Abhilfe schuf: «Von den Depressionen, die man sonst vernimmt, ist hier nichts zu hören.» Recht hatte sie!

Mit der realen Stimmung in unserem Land hatte die Sendung nicht viel gemein. Ein überwältigendes Votum für die Ausschaffungsinitiative als Ausdruck der Vielfältigkeit? Mundartinitiativen als Zeichen der Internationalität? Die Skepsis gegenüber dem Personenfreizügigkeitsabkommen als Willkommenssignal an junge Einwanderer?

Wo sind bloss die Jungen hin?

«Dann fragen wir doch die Jungen, wir haben ja zwei in der Runde», meinte Maier. Ja, zwei! In einer Sendung mit dem Siegel «Talk der Generationen». David Maurer (19), der bereits erwähnte Sieger «Jugend debattiert» 2011 führte seine Wettbewerbsleistung solide weiter und übte sich in Rhetorik.

Die Einzige, die zaghaft zu erklären versuchte, welche Sorgen und Nöte die Jugend plagen und was sie von den Grossen erwartet, war die ehemalige Präsidentin der Schweizerischen Landjugend, Luzia Föhn (24). Doch weil sie nicht ganz so frech war wie ihre Mèches, gelang es ihr nicht wirklich, gegen das ausgeklügelte Sendungskonzept des SF anzukommen.

Dauerwerbesendung für die gute Sache

Ein wahrlich vielfältiges (Vielfalt war das Wort der Stunde) Konzept: Neben der eigentlichen Diskussionsrunde gab es einen Übungsworkshop, in dem sich eher jüngere Politikerinnen und Politiker für die «Arena» vorbereiten und in jeweils 30 Sekunden das Parteiprogramm in Twitterlänge herunterrasseln durften. Im Zeitalter der Interaktivität rief der «Club» auch die Zuschauerinnen und Zuschauer auf, sich zu melden. Die Telefonistinnen im Glaskabäuschen erinnerten ein wenig an die Zeiten von «Aktenzeichen XY» mit Konrad Toenz in den 80er-Jahren.

Und so glich der «Club extra» einer Dauerwerbesendung für die Schweiz. Es fehlte nur noch, dass die Gäste in Schweizer Äpfel bissen. Äpfel, die zurzeit etwas sauer sind.

Es schien, als müsse man einerseits den Jungen jenseits der Landesgrenze Mut machen, trotz allem, was man von der Schweiz im Ausland vernimmt, ins Boot zu steigen und uns vor einem Fachkräftemangel in 40 Jahren zu bewahren. Und den jungen Schweizern sollte wohl der Rücken gestärkt werden, um trotz der desolaten Wirtschaftslage, den immer höheren Mietzinsen und Krankenkassenprämien, der stetig älter werdenden Bevölkerung, für die sie aufkommen müssen, ohne zu wissen, wer sich eines Tages um sie kümmern wird, und trotz den immer höheren Erwartungen der Bildungs- und Berufswelt den Mut nicht zu verlieren.

Gegen Schluss kam es dann doch noch zu einem kleinen Showdown. Aktivisten hielten im Hintergrund ein Transparent in die Höhe, auf dem sie auf die Sans-Papiers in der Schweiz aufmerksam machten, worauf sich Frau Maier ein bisschen empörte und ihr glatt die heilige Dreifaltigkeit der Sendung «Vielfalt, Offenheit und Toleranz» entfiel.

Röbi Koller, der zur Publikumsbetreuung abkommandiert war, fragte kurz vor Sendungsende bei den anwesenden Zuschauern nach, was denn für sie Schweiz bedeute. Eine treffende Antwort gab der Berufsschüler Henrik: «D Schwiiz isch e tolli Sach, aber es dörft no e bitz lockerer sii.» Henriks Worte in Leutschenbachs Ohr.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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