TV-Kritik: Alzheimer als Alibi

TV-Kritik

Ein Toter, viele Geständnisse, noch mehr Verdächtige und ein an Demenz Leidender, der vielleicht gar nicht so dement ist: Der gestrige «Tatort» war verwirrend.

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Der Tote hatte irgendetwas mit jungen Frauen aus dem Osten zu schaffen. Ein mieser Kerl, das sah man gleich. Deshalb trauerte seine Familie auch nicht sonderlich, als Bernd Lasingers Leiche im Schuppen seines Elternhauses gefunden wurde. Das Rätseln um den Mörder nahm ein schnelles Ende, denn der alte Vater gestand dem bayrischen Ermittlerduo Batic und Leitmayr, er habe seinen Sohn erschlagen, weil er ihn für einen Einbrecher gehalten habe.

Und jetzt? Was sollte aus der verbleibenden Krimizeit werden? Weder die Kommissare Batic und Leitmayr, noch der Zuschauer nahmen dem Alten das Geständnis wirklich ab. Zu undurchsichtig waren die Verhältnisse der Familie Lasinger. Eine Familie, die schon lange auseinandergefallen war und trotzdem von Karin, der ewig Duldsamen, krampfhaft zusammengehalten wurde.

Das Porträt einer unglücklichen Familie

Nachdem sie ihr Mann verlassen hatte, war sie mit dem Sohn zu ihrem Schwiegervater gezogen. Der war dement und brauchte rund um die Uhr Betreuung. In seiner Schrulligkeit war er ebenso liebenswürdig wie nervenaufreibend. Bernd Lasinger bezahlte keinen Unterhalt, lebte selbst jedoch in Saus und Braus. Während Karin in ihrem kleinen Zeitungskiosk arbeitete und Tobias die Schulbank drückte, passte Dana, eine junge Bulgarin, auf Max auf.

Je weiter die Ermittlungen fortschritten, desto mehr Abgründe öffneten sich. Der zeitweilig verwirrte Max erschien von einem Augenblick auf den nächsten wieder in glasklarer Verfassung. Gespielt oder echt? Gut möglich, dass er seinen Sohn nicht erkannt und wirklich für einen Einbrecher gehalten hatte. Batic, der Verständnisvolle, hielt das nicht für abwegig. Doch der misstrauische Leitmayr gab sich nicht zufrieden. Wie dement war der alte Mann wirklich? Schob er seine Krankheit nur vor, um den wahren Mörder zu schützen? Leitmeyer: «Es müsste doch eine Maschine geben, die untersucht, ob er nicht dement ist, obwohl er dement ist.»

Wie Gunter Sachs

Würde Leitmayr an Demenz erkranken, verkündete er, würde er sich erschiessen. Obwohl die Folge bereits letztes Jahr gedreht wurde, eine unheimliche Parallele zu Gunter Sachs, der sich wegen seiner Alzheimer-Diagnose tatsächlich das Leben genommen hat.

Demenz befällt das Gehirn schleichend und mit der selben bleiernen Langsamkeit schleppte sich auch die Handlung durch diesen «Tatort». Während Krimiermittler meist damit zu kämpfen haben, dass niemand geständig ist, wurden hier Geständnisse und Verdächtige am Laufband geliefert. Nur, wirklich konnte es keiner gewesen sein.

Erst als die beiden Ermittler auf die illegalen Tätigkeiten des Ermordeten stiessen, wurde die eigentliche Thematik der «Tatort»-Folge ersichtlich: Wer kümmert sich um unsere Alten? Abschieben ins Pflegeheim ist kostspielig und lässt bei den Angehörigen Schuldgefühle aufkeimen. Gerade Bernd Lasinger, der sich für seinen Vater gar nicht interessiert hatte, fand zusammen mit einem schmierigen Anwalt hierfür eine Lösung. Und eine Goldgrube: Er vermittelte gegen eine hohe Gebühr Bulgarinnen an deutsche Familien und knöpfte den Frauen jeden Monat einen Teil ihres Verdienstes ab. Die Mädchen wohnten im Haushalt und standen somit 24 Stunden zur Verfügung. Sie verdienten 1000 Euro im Monat - viel mehr als in ihrer Heimat. Und sie waren zudem viel billiger als ein Altersheim.

Die Bulgarin Dana war vollständig in die Familie integriert, Max hing sehr an ihr und für Karin war sie unabkömmlich. Trotzdem hielt sie Danas Lohn und Papiere zurück, damit sie nicht einfach abreisen konnte. Eine Win-win-Situation mit kleineren Einbussen für alle Beteiligten? Oder doch ein Auswuchs moderner Sklaverei?

Der Mord wird aufgelöst, das Dilemma bleibt

Letztlich kamen die Ermittler dem Mörder doch noch auf die Spur. Eigentlich war es, wie es bereits seit Beginn des Krimis schien, nur ganz anders: Max Lasinger war wirklich der Mörder seines Sohnes, aber er hatte ihn nicht versehentlich in Notwehr erschlagen, sondern willentlich erwürgt. Das Motiv blieb rätselhaft: Hatte Max seinen Sohn umgebracht, weil er Dana angegriffen hatte, weil er die Familie im Stich liess oder wegen eines ungelösten Vater-Sohn-Konfliktes? Auch das moralische Dilemma rund um den Menschenhandel blieb ungelöst.

Der Regisseur zeigte auf, dass Menschenhandel nicht nur im zwielichtigen Milieu stattfindet, sondern auch in bayrischen Familien. Ein modernes Phänomen, doch leider griff er es nur oberflächlich auf. Vielleicht, um nicht in das Gutmenschen-Fettnäpfchen zu treten, dass schon so manchen «Tatort»-Folgen zum Verhängnis wurde. Die Demenzerkrankung hingegen wurde sinnbildlich umso vielfältiger dargestellt: Max, der Käse in der Zuckerdose versteckte, stundenlang vor den Scherben seiner Glaskunst verweilte und Selbstgespräche führte. So lebte der Krimi denn vor allem von der schauspielerischen Leistung von Günther Maria Halmer, der den dementen Max verkörperte.

Die Ermittler brillierten diesmal nicht gerade durch Einfallsreichtum und Wortwitz. Dafür mangelte es nicht an folkloristischen Hinweisen auf Bayern. Dass sich der Fall in einem Münchner Vorort abspielte, hätte man auch gemerkt, wenn nicht alle zehn Minuten das Oktoberfest, ein Dirndl oder blauweisse Handtücher platziert worden wären. Alles in allem kein schlechter «Tatort», aber auch nicht der Ergreifendste .

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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