Soll das SRF Quote bolzen?

Die Abstimmung zur neuen Mediensteuer gibt zu reden – und damit auch die Frage, wie sehr sich das Schweizer Fernsehen am Markt orientieren soll.

Ja

Wer jährlich 1,2 Mrd. Franken Gebührengelder bekommt, muss sich dem harten Wettbewerb stellen. Das öffentliche Radio und Fernsehen muss sich im Markt behaupten, muss nach marktwirtschaftlichen Regeln handeln. Hohe Einschaltquoten sind also wichtig.

Sie zeigen den Programmmachern schonungslos auf, ob eine Sendung erfolgreich war und letztlich beim Publikum relevant. Kommt hinzu: Will die SRG ihre gesellschaftliche Funktion erfüllen, muss sie möglichst viele Menschen erreichen.

Entscheidend sollen nicht die Marktanteile sein. Die SRG soll an absoluten Zuschauerzahlen gemessen werden und nach ihnen handeln. Rutschen Talksendungen wie «Schawinski» oder die «Sternstunde Philosophie» unter 100'000 Zuschauer: Weg damit. Solche Nischenprogramme sollen nicht abgeschafft, aber den Eliten im Netz angeboten werden.

Diese Praxis hätte einen positiven Effekt: Die SRG-Sender sind schwerfällige Apparate, wo Ideen nicht gelebt, sondern verwaltet werden. Die Maxime: Nichts darf den Zuschauer verstören. Das Programm ist für Senioren gemacht. Sie sind treue Zuschauer. Menschen unter 50 Jahren fühlen sich ausgegrenzt.

Der Fokus auf die Quote würde die SRG agiler in der Planung machen und Neues ermöglichen. Die SRG hätte mehr Platz für Innovationen. Raum für Experimente, um sich dem Wandel in der Medienindustrie anzupassen. Die Quote macht die SRG wettbewerbstauglich. Das heisst nicht, dass sie Dschungelcamp-Formate zeigen muss. Die Qualitätsansprüche müssen auf Werte wie Menschenwürde, Respekt und Minderheitenschutz gründen. Quote um jeden Preis ist gefährlich. Aber: Die Quote ist wichtig, denn das öffentliche Radio und Fernsehen darf nicht in die Nische gedrängt werden.

Kein Service sans Public.

Nein

Die Gebührenmilliarde enthebt das SRF der marktwirtschaftlichen Zwänge. Dennoch kopiert und imitiert es heute eifrig die hundertfach gesehenen und bewährten Formate des Privatfernsehens: Casting-Shows und Promi-Shows, Auto-Freak-Shows und Tausend-Franken-Bingo-Shows.

Dabei sind Popularitätszwang und Quotenwettbewerb am Leutschenbach ganz und gar unnötig. Ein Gebührensender zeichnet sich durch eine andere Qualität aus: Er kann zeigen, was andere nicht zeigen können. Er kann das Quotentief wagen, ohne gleich ans Konkursamt denken zu müssen. Er kann im besten Fall Welten für die Zappenden öffnen. Literatur also und Philosophie, Malerei und Wissenschaft, aber auch vertiefte Politrecherche und gepflegte Gesprächskultur.

Der Abstimmungswahlkampf um das revidierte Mediengesetz hat eines gezeigt: Das Unbehagen gegenüber einem bis zur Unkenntlichkeit zerdehnten Service-public-Begriff ist beträchtlich. Es stünde dem SRF daher gut an, diesen Begriff enger zu fassen und sich auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren.

Warum nicht «Glanz & Gloria» durch eine Wissenschaftssendung wie «Einstein» ersetzen? Nach der «Tagesschau» mal eine der oft brillanten «Sternstunden Philosophie» statt einer abgekupferten Quiz-Show zeigen? Spätabends ein eigenes Musikformat an die Stelle einer alten eingekauften US-Serie setzen, deren Fans längst zur nächsten Staffel übergegangen sind?

Zuschauereinbussen wären auch deshalb vernachlässigbar, weil das solide Gerüst an beliebten News-Formaten wie «Tagesschau», «Kassensturz», «Rundschau», «Schweiz aktuell» oder «10 vor 10» die Durchschnittsquote konstant hoch hält. Dazwischen können die Programmmacher derweil ruhig etwas mehr Free Jazz wagen.

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