Mysteriöser Mord in den Berner Bergen

Die Berge spielen eine Hauptrolle in der neuen SRF-Serie. «Wilder» überzeugt aber nicht nur ästhetisch: Der Winterthriller mit Sarah Spale und Marcus Signer in den Hauptrollen fesselt von der ersten Einstellung an.

Der offizielle Trailer zu «Wilder». Video: SRF


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Nervös mit dem Fuss wippen. Auf der Unterlippe rumkauen. Und dann, am Ende einer Folge, das starke Bedürfnis dranzubleiben, denn: «Ich muss wissen, wie es weitergeht!» Dieses Serienverhalten würden viele Zuschauerinnen und Zuschauer eher mit amerikanischen Krimiserien als mit einer Schweizer Produktion in Verbindung setzen.

«Der Bestatter», das bisherige Flaggschiff unter den SRF-Serien, ist charmant, originell und punktuell spannend, aber keine Serie für Binge-Watching – der televisionäre Fachbegriff fürs Dauerschauen. Doch nun kommt «Wilder», und die Macher machen schon beim Vorspann klar, dass sie in einer höheren Liga spielen wollen: Die Kamera folgt einem Riss, der sich seinen Weg durch eine Eislandschaft bahnt – eine Einstellung, die stark ans Intro der derzeit international erfolgreichsten Serie «Game of Thrones» erinnert.

Diese spielt unter anderem im ewigen Eis, und auch in «Wilder» scheint der Winter ein Dauerzustand zu sein, zu­mindest in den grantigen Ge­mütern der Dorfbewohner von Oberwies.

Lokal und international

Gedreht wurde in eisiger Kälte auf dem Urnerboden und in Glarus. Oberwies, das fiktive Bergdorf im Berner Oberland, ist Schauplatz einer verflochtenen Geschichte (Buch: Béla Batthyany und Alexander Szombath), die geschickt lokale und internationale Kosmen verwebt: Während einige der Bewohner noch von den Einträgen aus der Landwirtschaft oder vom Dorfladen leben, ver­suchen andere, den Anschluss an den Massentourismus zu schaffen.

Ein geplantes Hotelprojekt führt eine arabische Investorenfamilie ins verschlafene Städtchen, das gerade des 30. Jahrestags eines tragischen Unglücks gedenkt. Einige empfangen die ausländischen Gäste mit offenen Armen, andere wollen keine «Araber» in Oberwies wissen oder fürchten um ihre Existenz, sollte das Bauprojekt mitsamt Umfahrungsstrasse realisiert werden. Noch ehe sich ein Verbrechen ereignet, stapfen die Kantonspolizistin und Oberwieserin Rosa Wilder (Sarah Spale) und der Bundeskriminalfahnder Manfred Kägi (Marcus Signer) durch den meterhohen, knirschenden Schnee. Dann geschieht ein Mord. Und eine junge Frau verschwindet.

In der Kälte: Ermittlerin Rosa Wilder (Sarah Spale) muss in ihrem Heimatdorf im Berner Oberland einen Mordfall klären. Bild: zvg/SRF

Langsam, aber spannend

Regisseur Pierre Monnard treibt die Geschichte langsam voran, ohne je die Spannung zu ver­lieren. Dies und das ernste, wortkarge Spiel der 37-jährigen Baslerin Sarah Spale erinnern an skandinavische Krimiserien. Oder an «Top of the Lake», eine austra­lische Produktion, in der eine Polizistin ebenfalls zurückkehrt in ihr verschlafenes Heimatstädtchen, um ein Verbrechen zu lösen.

Der 53-jährige Berner Marcus Signer, den Zuschauern wohl am besten bekannt aus der Verfilmung von Pedro Lenz’ «Der Goalie bin ig», spielt in «Wilder» nicht den versifften Loser, sondern den grossspurigen Fahnder im Yuppie-Anzug – eine Haltung, die dem wandelbaren Mimen bestens steht.

Überheblich: Marcus Signer als Bundeskriminalpolizist Kägi. Bild: zvg/SRF

Apropos bestens stehen: Die Ausstattung überzeugt bis zur kleinsten Statistenrolle. Vor allem Rosa Wilders Wolllook wirkt stilprägend und erinnert wohl nicht zufällig an die TV-Ermittlerin Kommissarin Lund und deren kultigen Strickpullover.

Verblüffend authentisch

Auch das grösste Manko von Schweizer Fernsehproduktionen – das behäbige, gern als «Theä­terle» bezeichnete Schauspiel – wirkt in der Szenerie des Berner Bergdorfs verblüffend authentisch. Andreas Matti («Fascht e Familie») spielt Rosas Vater mal knorrig, mal aufbrausend, László I. Kish («Tatort») interpretiert den Gemeindepräsidenten angsteinflössend aalglatt, und Samir Fuchs («Homeland») überzeugt als ägyptischer Investor mit seinem staatsmännischen Auftreten (Zitat: «Ich spreche nie unüberlegt»).

Wer über den einzig grösseren Kritikpunkt hinwegsieht – die Tatsache, dass bei einem realen Verbrechen kaum eine Polizistin ermitteln dürfte, die dermassen persönlich be­fangen ist wie Rosa Wilder –, kommt in den Genuss einer Schweizer Serie, die den inter­nationalen Vergleich nicht scheuen muss.

Wer es aufs Binge-Watching abgesehen hat, muss ­allerdings auf die DVD-Ausgabe warten.

«Wilder»: sechs Folgen, ab morgen, 7. November, immer dienstags auf SRF 1, um 20.05 Uhr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.11.2017, 13:54 Uhr

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