«Man darf sich ruhig ins Wort fallen»

Mona Vetsch moderiert heute Dienstag auf SF 1 erstmals den «Club». Im Interview spricht die Nachfolgerin von Röbi Koller über persönliche Talk-Affinitäten, körperliche Belastungen und «schlechtes Timing».

Setzt auf das Interesse an Personen und auf Respekt vor Erfahrungen, Meinungen und Haltungen: Die neue «Club»-Moderatorin Mona Vetsch.

Setzt auf das Interesse an Personen und auf Respekt vor Erfahrungen, Meinungen und Haltungen: Die neue «Club»-Moderatorin Mona Vetsch. Bild: SF

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Frau Vetsch, Sie sind aus Ihrer zweiten «Babypause» zurückgekehrt, falls das Wort Pause angebracht ist...
Mona Vetsch: «Mutterschaftsurlaub» ist auch nicht besser. Wer wohl diese Begriffe geprägt hat? Sicher keine Frau! (lacht)

Was bedeutet es Ihnen, am 17.Januar erstmals den «Club» zu moderieren?
Es ist eine tolle Chance, die mich sehr motiviert. Ich fühlte mich jedoch vorher schon enorm privilegiert, einen Beruf zu haben, mit dem ich nicht nur Geld verdienen kann, sondern der mich wirklich befriedigt und ausfüllt.

Wann eröffnete sich Ihnen die berufliche Perspektive «Club»?
Wenn man «bad timing» definieren müsste, wäre dies ein gutes Beispiel: Die Stelle wurde ausgeschrieben, als ich schon fast im Mutterschaftsurlaub war. Die Pilotsendung habe ich dann eine Woche vor dem Geburtstermin moderiert.

Ist es etwas Spezielles, die Nachfolge von Röbi Koller anzutreten?
Röbi und ich sind befreundet. Wir moderieren gemeinsam «Züri Littéraire», eine traditionsreiche Literaturveranstaltung im Zürcher Kaufleuten. Daher haben wir fast das Gefühl, als würde die «Club»-Moderation in der Familie bleiben.

Hätten Sie auch eine neue Herausforderung gesucht, wenn die Stelle nicht frei geworden wäre?
Diese Frage beantworte ich mit einem Bonmot meines früheren Chefs bei «SF Spezial Fernweh»: «We cross the bridge when we get there.» Antworten suche ich erst, wenn sich Fragen stellen.

Sie sind keine Strategin?
Nein, ich bin ein ausgesprochener Bauch-Mensch – mit allen Vor- und Nachteilen.

Wie gut kennen Sie Karin Frei, Ihre neue Chefin und Moderatorenkollegin?
Als sie noch bei DRS1 arbeitete, hatten wir beruflich nicht viel miteinander zu tun. Aber wenn ich auf einen Menschen, den ich erst kürzlich kennengelernt habe, ein Hohelied singen müsste, dann auf sie. Sie ist eine tolle Chefin und Kollegin.

Werden Sie Themen nach persönlichen Affinitäten aufteilen?
Ich denke, dass es von Vorteil ist, wenn man schaut, was wem näher steht. Aber letztlich entscheidet Karin Frei als Redaktionsleiterin. Sie wird auch einen Grossteil der Sendungen moderieren. Ich habe durchschnittlich eine Sendung pro Monat.

Worin besteht der Unterschied zur DRS 3-Gesprächssendung «Focus», die Sie bis 2010 leiteten?
Die Gesprächsleitung beim «Club», wo man nicht nur einen Gast hat, ist sicher etwas vom Anspruchsvollsten, das es gibt. Entsprechend gehe ich diese Aufgabe mit gebührendem Respekt an.

Was fasziniert Sie am Talk am meisten?
Ich glaube, dass die Eigendynamik, die das Gespräch zwischen den Menschen entwickelt, den Zauber ausmacht. Man kann eine Sendung perfekt besetzen und wunderbar vorbereiten, aber wenn der Funke nicht überspringt, kann es für alle Beteiligten ein «Chrampf» werden. Das passiert zum Glück sehr selten.

Welche Atmosphäre schwebt Ihnen für den «Club» vor?
Die Basis ist ein Interesse an der Person und der Respekt vor Erfahrungen, Meinungen und Haltungen. Dann läuft man nicht Gefahr, bereits urteilend oder verurteilend in ein Gespräch zu gehen. Es geht darum, zuzuhören und die Fragen zu stellen, von denen man findet, dass sie gestellt werden müssen.

Und lässt auch andere ausreden?
Man darf sich ruhig ins Wort fallen. Bei einem normalen Gespräch passiert das auch, ohne dass es als unanständig empfunden wird. Der Titel der Sendung sagt jedoch viel über den Umgangston: Was ist ein «Club»? Eine Vereinigung von Menschen, die ein gemeinsames Interesse oder Ziel haben. Deshalb geht es nicht darum, anderen «ans Bein zu pinkeln» oder sie von der eigenen Meinung zu überzeugen, sondern sich gemeinsam mit ihnen in ein Thema zu vertiefen. Das macht den «Club» als Sendung einzigartig.

Haben Sie schon Ideen für «Clubs», in denen es nicht um tagesaktuelle Themen geht?
Ich habe gerade mit einem Neurologen darüber gesprochen, wie sich die Menschen in unserer Gesellschaft durch die Informationsflut und die technologischen Neuerungen, die unser Leben ständig beschleunigen, zunehmend überfordert fühlen. Dazu könnte man sicher eine spannende Runde zusammenstellen.

Wie entschleunigen Sie Ihren Alltag?
Ich vergesse häufig mein Handy! (lacht) Früher war ich nahe an einem Schweissausbruch, wenn ich es bemerkte, wollte gar nach Hause fahren und es holen. Das stresst mich nicht mehr – auch wegen der Erfahrung, dass ich deswegen noch nie etwas wirklich Wichtiges verpasst habe. Ich finde es auch gut, zu merken, dass man selbst auch gar nicht so wichtig ist und die anderen locker mal einen Tag auf dich verzichten können.

Sie werden weiter von 5 bis 9 Uhr den «DRS3 Morgen» moderieren. Was meint Ihr Körper zu dieser Belastung?
Natürlich, es ist wie mit den durchgemachten Nächten: Mit 20 steckt man sie leichter weg als mit 30. Wie es mit 40 sein wird, möchte ich lieber noch nicht wissen . Ich nehme es aber in Kauf, da mir das Radiomachen viel wichtiger ist als in den Ausgang zu können. Diesbezüglich hatte ich eh schon mit 21 das Gefühl, alles erlebt zu haben. (lacht)

Wie sieht ein Tag aus, an dem Sie Frühdienst haben?
Um Viertel nach 2 aufstehen, um 3 Uhr im Büro sein, bis um 5 Uhr vorbereiten und bis um 9 Uhr senden. Danach bis 10 Uhr Sitzung und Vorbereitung für den nächsten Tag. Um 12 Uhr genehmige ich mir dann nochmals eine Stunde Schlaf.

Gefällt Ihnen die Einsamkeit oder suchen Sie die Herausforderung für den Körper?
Ich mache diesen Dienst am liebsten, weil du am Morgen am allernächsten bei den Leuten bist. Du begleitest sie beim Aufstehen, im Bad, in der Küche oder im Auto, und bekommst extrem viele Rückmeldungen. Ich schätze diesen Austausch.

Vor zehn Jahren erzählten Sie in einem Interview, dass es Ihnen am Nachmittag manchmal übel wird. Überfordern Sie sich nicht?
Damals war das Pensum ein ganz anderes. Nach der Frühschicht gings immer noch ins Fernsehen oder an die Uni, das waren häufig 15-Stunden-Tage. Heute lachen alle, wenn ich sage, dass ich bereits etwas reduzieren muss.

Ist Ihr Ehemann eigentlich eifersüchtig...
Das ist jetzt eine sehr private Frage!

...auf Ihr Mikrofon?
(lacht) Nein, er arbeitet selbst beim Radio und hat ein eigenes Mikrofon, auf das ich sonst auch eifersüchtig sein müsste.

Sie wurden in einer repräsentativen Link-Umfrage für die Zeitschrift «Tele» zur beliebtesten Moderatorin in der Sparte Information gewählt. Wie wohl ist es Ihnen als Everybody’s Darling?
Ich habe mich gefreut! Die Zuschauer sind ja letztlich meine Arbeitgeber, und es ist wichtig, dass ihnen gefällt, was ich mache. Selber kann man das ja schlecht einschätzen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.01.2012, 13:43 Uhr

Mona Vetsch

Mona Vetsch, geboren am 23. Juni 1975 in Frauenfeld, wuchs in Hattenhausen TG auf. Die Bauerntochter absolvierte ein Praktikum bei Radio Thurgau und begann in St.Gallen ein Wirtschaftsstudium, das sie 1997 abbrach, um die Redaktion und Moderation der SF-1-Jugendsendung «Ooops!» zu übernehmen. Das muntere Talent mit den farbigen Frisuren packte die Chance und etablierte sich bei Radio und Fernsehen. Für «einfachluxuriös» und «SF Spezial Fernweh» reiste sie durch die halbe Welt und moderierte Langzeitreportagen für «SF Spezial». Bei DRS3 ist sie seit 2001«Der Morgen»-Moderatorin und leitete drei Jahre die Talk-Sendung «Focus». Mona Vetsch, seit 2009 verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Zürich. Heute Dienstag moderiert sie auf SF 1 erstmals den «Club».

«Der Club»: Dienstag, 17. Januar, 22.20 Uhr auf SF 1.

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