Mach nicht so ein Gesicht

Die obligatorische Szene in «Tatort»-Krimis, in der Polizisten die Todesnachricht überbringen, ist eine Wissenschaft für sich. So auch im Saison-Auftakt aus Dresden.

Die Witwe Katharina Benda nahm die Todesnachricht ihres Mannes einigermassen gefasst auf.

Die Witwe Katharina Benda nahm die Todesnachricht ihres Mannes einigermassen gefasst auf.

(Bild: Screenshot)

Philippe Zweifel@delabass

Es ist ein seltsamer Anachronismus, der eigentlich nur noch in den «Tatort»-Krimis vorkommt: Jene Szene, in der die Angehörigen eines Opfers informiert werden. Die Ermittler stehen dann in irgendeinem Wohnzimmer, und die Kamera zoomt auf das Gesicht der Hinterbliebenen. Je nach schauspielerischem Talent sieht die Bestürzung mehr oder weniger gelungen aus. Ich frage mich dann jeweils, ob die Schauspieler auf Anweisungen des Regisseurs handeln müssen («Krieg einen Weinkrampf/Starr ins Leere/Mach auf ungläubig») oder ob sie im Ausdruck freie Wahl haben.

Britta Hammelstein, die gestern die Witwe Katharina Benda spielte, nahm die Todesnachricht ihres Mannes, eines Szene-Gastronomen, gefasst auf – bis sie ihn erschossen in seinem Büro liegen sah. Da schüttelte es sie dann ein bisschen. Danach überbrachte sie die Todesnachricht ihren Kindern, eine Szene, die auch nicht sehr authentisch rüberkam. Dass die Kinder-Schauspieler eine solch schwierige Szene nicht hinkriegen, ist zu erwarten. Aber für den erfahrenen Connaisseur von «Tatort»-Todesnachrichten war vor allem die Reaktion der Mutter interessant. Ein weiterer Fall von schauspielerischer Überforderung – oder fakte die Schauspielerin die Trauer bewusst mies? Was ja bedeuten würde, dass sie Dreck am Stecken hatte, ja, vielleicht gar ihren Mann auf dem Gewissen.

Tatsächlich bröckelte die Theorie des Polizeichefs, dass die Mafia den Mord veranlasst hatte, und Witwe Benda rückte mit widersprüchlichen Aussagen in den Fokus der Ermittlungen. Irgendwann schrie sie ständig ihre Kinder an, der Film kippte langsam in ein Familiendrama, das in einer Verfolgungsjagd und letztlich in einer Geiselnahme gipfelte: Katharina Benda war geistesgestört und hatte ihre Kinder den Mord am Vater ausführen lassen. Das war nun wirklich eine krass unglaubwürdige Wendung. Aber dass sie für den Mord verantwortlich war, darauf hätte man auch selber kommen können. Denn sie lebte in einer Villa. Und in einer Villa, so will es ein weiterer «Tatort»-Anachronismus aus den 70er-Jahren, leben nur Leute, die kein reines Gewissen haben.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt