Kachelmanns Abrechnung mit dem «Blick»

Der Club zum Thema «Ruinierter Ruf: Was tun?» war anständig, über weite Strecken konnten sich die Opfer erklären. Unanständig wurde es auf Twitter.

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Christian Lüscher@luschair

Der gestrige «Club» widmete sich dem Thema Rufschädigung. Ein aktuelles Thema. Es braucht im Zeitalter der Empörung nicht viel. Ein Fehltritt, ein Verdacht oder eine ungeschickte Äusserung genügt. Und schon befindet man sich im sogenannten Shitstorm (ein schreckliches Wort) oder ist Gegenstand einer Kampagne. Da machts keinen Unterschied, ob man gesetzeskonform handelte oder von einem Gericht freigesprochen wurde. Der Ruf ist schnell ruiniert.

Drei prominente Opfer schilderten ihre Erfahrungen: Jörg Kachelmann, Sandra Gasser und Hansueli Gürber. Als Vertreter der Medien diskutierten der «Weltwoche»-Journalist Alex Baur und der PR-Berater und Ex-«Blick»-Chef Sacha Wigdorovits. Drei Fragen stellte Thomy Scherrer ins Zentrum der Diskussion: Wie erlebt ein betroffener Mensch eine Kampagne? Welche Rolle spielen Medien? Und kann man später wieder zu Ehre und Würde zurückfinden?

Dampf ablassen

Zur ersten Frage: Alle drei Personen berichteten eindrücklich von ihren Erlebnissen. Sie berichteten von Albträumen, dieser Enge, vom Gefühl der Ungerechtigkeit, Morddrohungen und Verfolgungswahn. Und alle drei hatten ihre eigenen Strategien, damit fertig zu werden. Kachelmann weigerte sich, die Berichterstattung über ihn zu verfolgen. Er schaute während seiner Zeit im Gefängnis offenbar nur den Musiksender MTV. Hansueli Gürber, der ehemalige Jugendanwalt, Opfer der medialen Hetzkampagne im Fall Carlos, stellte sich den anonymen Reaktionen. Und die ehemalige Leichtathletin Sandra Gasser erzählte, wie sie viel Sport trieb, um Dampf abzulassen. Allen gemeinsam war das Bedürfnis, die Wahrheit zu verkünden. Das war die Stärke des Clubs. Die Schilderung dieser Erfahrungen war eindrücklich. Ein Warnsignal an alle Zuschauer, die in Onlinekommentaren oder auf Facebook Kommentare hinterlassen. Denn das Schlimmste für alle Beteiligten ist die Verbreitung und Konstruktion einer falschen «Wahrheit».

Welche Rolle spielen die Medien? Hier, um es gleich vorwegzunehmen, war die grosse Schwäche des gestrigen Clubs. Der Moderator und die Diskussionsteilnehmer haben über weite Strecken ein zu einseitiges Bild gemalt. Die meisten Medien würden heute nur noch Empörung bedienen. Es würde nicht mehr nachgefragt, ausgewogen berichtet. Am deutlichsten äusserte sich Kachelmann und holte zur grossen Kritik aus. Die Medien seien die «Vorhut der Sharia in irgendeiner Form». Er wetterte gegen Onlinejournalisten (sehr einseitig). Früher hätte man davon ausgehen können, dass Journalisten gut ausgebildet seien. Für ihn sind die Onlinejournalisten «strunzdumm». «Wenn man dumm ist, kann man keine gute Arbeit machen», meint Kachelmann. Die Kritik richtete sich in erster Linie gegen «Blick online». Dazu später mehr.

Mit Journalismus nichts zu tun

Auch Gürber ging mit dem «Blick» hart ins Gericht. Er fand es stossend, dass die Zeitung noch einen Tag nach Ausstrahlung des «Reporter»-Films überlegen musste, ob man die Story nun bringe oder nicht. Mit Journalismus habe die Berichterstattung nichts zu tun gehabt. Es sei zudem eine reine Diffamierungskampagne gewesen, auch weil man ihn immer wieder mit seiner Schlange abgebildet habe.

Sacha Wigdorovits, Kommunikationsberater und ehemaliger «Blick»-Chefredaktor, war grösstenteils auf der Seite der Opfer. Bei den Medien gelte heute nicht die Unschuldsvermutung, sondern die Schuldvermutung. Wer in die Kritik gerät, müsse in erster Linie seine Unschuld beweisen, was nicht den Vorstellungen des Rechtsstaates entspreche. Wigdorovits sprach ebenfalls abfällig von Onlinejournalisten, die er als «Kindersoldaten» bezeichnete. Sie schrieben, was sie hörten, und schauten nicht, obs stimme. Eine Aussage, die unwidersprochen blieb. Die aber einer seriösen Prüfung nicht standhalten würde. Wigdorovits sah die Entwicklung in den einzelnen Fällen differenzierter als die anderen Gäste. Im Fall Kachelmann seien nicht nur die Medien schuld, sondern auch die Justiz. Es habe eine Politisierung der Justiz stattgefunden. Und im Fall Gürber sei der eigentliche Skandal der Regierungsrat gewesen, der in der kritischen Phase nicht hinter Gürber stand.

Debatte anzetteln

Und was sagte «Weltwoche»-Journalist Alex Baur? War er wenigstens der Gegenpol zu den anderen Gästen? Leider nur bedingt. Von ihm hätte man gewünscht, dass er die Sicht der Medien viel energischer verteidigt. Er nahm die Medien insofern in Schutz, als dass sie nicht die ultimative Wahrheit verbreiten müssten, sondern eine Debatte führen sollten. Er rechtfertigte sich, dass er in seinen Berichten oft bewusst einseitig berichte, um eine Debatte zu lancieren. Der entscheidende Punkt sei: Es muss eine Gegenmeinung geben. Und er gab zu bedenken, ein wichtiger Punkt übrigens, dass Kampagnen auch helfen könnten. Im Fall Kachelmann habe die öffentliche Debatte die Gerichtsverhandlung zugunsten von Kachelmann beeinflusst. Im Fall Gasser verbesserten sich später die Dopingkontrollen.

Zur letzten Frage: Wie kann man den Ruf wiederherstellen? Hier war die Diskussion wenig erhellend. Einig war man sich, dass man sich unbedingt wehren soll, indem man rechtliche Schritte einleitet. Und sonst? «Grind abe» und liegen bleiben. Dass die Kommunikationsoffensive zu Beginn einer Kampagne nicht gut ist, schilderte Gasser. Sie hatte zu jedem Bericht zugesagt. Empfand die Berichterstattung aber nachträglich als nicht neutral.

Fazit des Clubs? Ein spannendes Thema, das leider zu einseitig, zu anständig diskutiert wurde. Eine Konfrontation zwischen den betroffenen Personen und Vertretern der Medien fand nicht im Ansatz statt. Diese kam hingegen später auf Twitter so richtig in Gang. Jörg Kachelmann und «Blick»-Journalist Thomas Ley gerieten sich in die Haare. Wir wollen an dieser Stelle den Dialog nicht zusammenfassen. Aber geben den «Club»-Verantwortlichen einen Ratschlag: Das nächste Mal wollen wir diese Diskussion nicht auf Twitter lesen, sondern am Fernsehen sehen und hören.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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