TV-Kritik

Joiz – ein Jahr nach dem Abend des Grauens

TV-KritikDer Sender Joiz ist nun offiziell seriös. Das hat das Bundesgericht entschieden. Stimmt das? Zum ersten Geburtstag des Senders zappt Bernerzeitung.ch/Newsnet – nach einem ersten Verriss – erneut rein.

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Ein besseres Geburtstagsgeschenk hätte sich Joiz wohl kaum wünschen können: den lang ersehnten Platz im analogen Fernsehen beziehungsweise auf der Senderliste von UPC Cablecom. Das Bundesgericht findet nämlich, dass der Jugendsender einen besonderen Beitrag zur nationalen Medienlandschaft leistet (siehe Artikel zum Thema). Bald kann also jeder in der Schweiz Joiz schauen, egal, ob digital, analog oder im Internet, und egal, ob UPC Cablecom will oder nicht.

Yeah! Wer hätte das gedacht am Abend des Grauens, genau heute vor einem Jahr. Nichts hatte bei der Premiere funktioniert: Kaum eine Live-Schaltung gelang, und die Moderatoren wirkten teilweise wie Duracell-Häschen auf Ritalin-Entzug, die ständig Worte wie «wow», «uhuu» oder «huere cool» wiederholten (siehe Artikel zum Thema). Hinzu kam, dass die virtuell mitmischenden Zuschauer getürkt waren. Einer flog auf, weil sein Webcam-Hintergrund verdächtig ähnlich aussah wie das Joiz-Grossraumbüro, und eine andere wurde live via Webcam in die Sendung zugeschaltet, weil sie angeblich dringend eine Frage hatte. Hatte sie jedoch nicht. Sie sei gerade erst zugeschaltet worden und habe keine Chance gehabt, die Sendung zu sehen.

Knackeboul: Spitze wie vor einem Jahr

Aber das ist alles Schnee von letztem März, und ausserdem hat Joiz Geburtstag. Vielleicht – hoffentlich – ist jetzt ja alles besser. Also, zappen wir mal rein. Glückstreffer! Da rappt gerade Knackeboul bei «Knack Attack», das absolute Highlight der Premierenpleite vor einem Jahr. «Joiz isch jetz analog», rappt er, und aus dem Hintergrund ertönt ein Beat.

Es stellt sich heraus, dass das ein Cablecom-Mitarbeiter ist, den Knackeboul zuvor angerufen hat, um zu erfahren, wann denn Joiz endlich ins analoge Netz aufgeschaltet und welcher andere Sender dafür aus dem Programm gekippt wird. Das weiss der Cablecom-Mitarbeiter zwar nicht, dafür ist er schlagfertig und kann beatboxen. Ob er echt ist oder vielleicht doch einer von Knackebouls Kumpeln? Spielt keine Rolle. Es ist lustig, spontan und aktuell. Eins zu eins unentschieden im Vergleich zum letzten Jahr. Denn der Berner Rapper war schon damals top. Okay, einen Extrapunkt für das konstant hohe Niveau. Macht zwei zu eins.

Drogen sind nicht scheisse!

Nächste Sendung. Da sitzt links ein gepflegter Moderator mit getrimmtem Bart und Halstuch auf dem Sofa. Rechts von ihm sind zwei junge Experten, die sich mit Kokain auskennen, dem heutigen Thema der Sendung «Joizone Sozial». «Wir sagen nicht, Drogen sind scheisse», sagt der Experte mit dem roten Snoopy-Shirt. Ah, nicht? «Drogen gehören bei vielen Jungen einfach dazu, das ist Fakt.» Da hat der Mann wohl nicht ganz unrecht. Also gibt es nun Tipps, wie man Drogen so wenig schädlich wie möglich verwendet und von welchen Substanzen man besser ganz die Finger lässt. Von Koks zum Beispiel. Das fahre nicht so gut ein, mache auf Dauer paranoid und sei ausserdem mit Entwurmungsmittel gestreckt, sagt der Experte. Das Interview ist locker, informativ, verständlich, und der Zeigefinger wird auch nicht in die Höhe gehalten.

Dafür werden mehrere Zuschauerfragen eingeblendet, die im Wechsel mit denjenigen des Moderators beantwortet werden. Dieses Mal funktioniert die interaktive Technik einwandfrei. Kein Vergleich zur missglückten Premiere vom 28. März 2011. Die vier Stunden des Grauens sind beinahe vergessen und die Kinderkrankheiten ausgemerzt. Aktueller Zwischenstand: drei zu eins. Seit Anfang 2012 sind übrigens während der Sendungen 124'000 Fragen bei der Joiz-Redaktion online eingegangen, sagt der CEO Alexander Mazzara. Bei einem Interview mit dem Rapper Kool Savas seien es rund 12'000 Fragen in einer Stunde gewesen. Für jeden Beitrag werden die Zuschauer mit Punkten belohnt. Bei einer gewissen Anzahl gesammelter Punkte gibt es einen Gratis-Song zum Downloaden. So sieht erfolgreiches Social TV also aus.

Geschmack und Geschmackssache zum Schluss

Jetzt ist Köchin Shibby dran, die mit einer Hergiswiler Band Hackfleischbällchen knetet. Dazu gibt es Dinkel-Mais-Brot und einen «hammergeilen Salat». Der Vergleich zum Vorjahr fehlt, denn Shibby hat nicht gekocht am Premierenabend. Aber das Menü sieht so lecker aus, dass ich (knapp der Zielgruppe der 15- bis 29-Jährigen entwachsen) das Menü aus Shibbys Blog downloade. Ausserdem ist der Beitrag locker-flockig gefilmt, geschnitten und vertont. Das gibt einen Extrapunkt. Neuer Zwischenstand: vier zu eins.

Letzter Zap. Die Härteprobe. «Noiz», die News-Sendung mit Gülsha, läuft, der K.-o.-Auftakt bei der Premiere. Die Lippen der Moderatorin sind immer noch so rot wie vor einem Jahr, und das Selbstbewusstsein scheint in der Zwischenzeit auch keinen Schaden genommen zu haben. Ihr Moderationskollege ist heute leider krank oder so. Deshalb plaudert sie einfach alleine drauf los. Das funktioniert mal besser bis witzig, mal ein bisschen so, als müsste das Mundwerk auf die Gedanken warten.

Zwischendurch sehen wir ein halbwitziges Youtube-Video mit dämlicher Blondine und erfahren, dass Gülsha einen Fleck auf dem T-Shirt hat, dass sie «DSDS» scheisse findet und Justin Bieber eigentlich auch. Aber weil der neuerdings singt wie Justin Timberlake, ist nun alles anders. Gülshas Auftritt ist höchstens leicht besser als bei der Premiere. Es gibt keinen Zusatzpunkt, es steht immer noch vier zu eins. Aber halt! Die Joiz-Zielgruppe sieht das völlig anders. Auf der Website sollen die User abstimmen, was ihnen in einem Jahr Joiz am besten gefallen hat. Gülsha und ihre Moderationskollegen von «Noiz» liegen mit 46,15 Prozent (Stand 27. März) klar an der Spitze. Unsereiner jenseits des Zielgruppenalters kann das nur schwer nachvollziehen. Aber die Zielgruppe hat immer recht, und so endet der Direktvergleich glorios mit fünf zu eins. Happy Birthday Joiz und auf Wiedersehen! (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2012, 11:25 Uhr

Joiz auf dem Erfolgskurs

Ein Jahr nach dem Sendestart sind die Joiz-Verantwortlichen zufrieden. Nicht nur mit dem Entscheid des Bundesgerichts, den Sender ins analoge Fernsehnetz zu übernehmen, sondern auch mit den Zuschauerzahlen. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen aus dem Telebereich, weil Joiz bislang nicht von Telecontrol erfasst ist. Gemäss Joiz-CEO Alexander Mazzara habe man einerseits wegen der hohen Kosten darauf verzichtet, andererseits auch, weil die Erfassungsmethode nicht genau sei, da sie etwa Zahlen aus TV-Streaming-Programmen aus dem Internet nicht erfasse. Ab kommendem Jahr werde sich dies jedoch ändern. Dafür sind die Onlinezahlen bestätigt, und die können sich gemäss Alexander Mazzara sehen lassen: 80'000 Unique Clients und 190'000 Visits monatlich kann Joiz verzeichnen. Tendenz steigend.

Infobox

Vom 30. bis 31. März feiert der Jugendsender Joiz mit einer interaktiven, 24-stündigen Live-Sendung sein einjähriges Bestehen.

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