Die gute Geschichte gewinnt immer

Die Arte-Doku «Die virtuelle Feder» überzeugte durch eine präzise Diagnose der Zeitungskrise. Der Blick in die Zukunft war allerdings schwach. Und die Filmemacher verpassten noch eine andere Chance.

Christian Lüscher@luschair

Die Zeitung. Wie lange wird es sie noch geben? Noch drei Jahre? Noch 15 Jahre? Sterbediagnosen sind im Trend. Viele Beobachter prophezeien in Feuilletons, Blogs und Büchern ihr baldiges Ende. Der Grundtenor: Die Zukunft gehört der digitalen Welt. Die Zeitung sei eine sterbende Technologie.

Auch der Kultursender Arte stellte sich in der gestrigen Dokumentation «Journalismus von morgen – Die virtuelle Feder» die Frage: «Stirbt die Tageszeitung bald aus?» Zwei Journalisten recherchierten zwei Jahre lang und befragten weltweit führende Verlage, Chefredaktoren, Start-up-Unternehmer, Blogger, Journalisten und Leser, wie sie den Wandel, die Krise denn sehen, erlebten.

Diagnose am Beispiel der französischen Presse

Zuerst das Gute: Die Doku überzeugte mit einer umfangreichen und präzisen Diagnose der Zeitungskrise. Eindrücklich die Bestandesaufnahme in Paris, am Hort der Aufklärung. Nirgends sei der «Niedergang der Presse» eindrücklicher zu beobachten: Viele Zeitungen hätten keine politische Richtung mehr. Sie lebten nicht mehr vom Leser, sondern von Mäzenen. Die französische Tagespresse sei im europäischen Vergleich die teuerste. Habe am wenigsten Seiten, würde am wenigsten gelesen, erhalte am meisten Subventionen. Die richtige Schlussfolgerung: Da kann doch etwas nicht stimmen.

Früher war die Zeitung ein einträgliches Geschäft. Die Verleger verdienten mit Werbung viel Geld. Das beweisen die Sequenzen der Medienmanager, die von Zeiten sprechen, als das Zeitungsgewerbe Monopolrenditen von 20 bis 30 Prozent erzielte. Und hier merkt Springer-Chef Mathias Döpfner an, dass viele Verlage heute deshalb ein Problem mit Veränderungen haben. Man will nicht wahrhaben, dass die goldenen Zeiten vorbei seien. Auch die Problematik mit der Finanzierung von journalistischen Inhalten wird an einem guten Beispiel gezeigt. Dass nämlich führende und reichweitenstarke Onlineredaktionen heute zwar kostendeckend arbeiten, aber es am Ende nicht reicht, um einen Korrespondenten nach Bagdad zu schicken. Die richtige Schlussfolgerung: «Da liegt das Problem.»

Schluss mit dem Klick-Irrglauben

Highlight der Doku ist der Szenenwechsel nach New York. Da spricht der smarte Gründer eines Start-ups, welches Zeitungen mit Realtime-Statistiken zum Nutzungsverhalten der Onlineleser bedient. Er sagt, die Zahl der Seitenabrufe sei überschätzt. Die billigsten und plumpesten Inhalte würden stets gewinnen. Aber die treue Leserschaft hole man sich nur, wenn man in Qualität investiere, wenn man eigene, tolle Storys publiziere. Der verbissene News-Klick-Wettbewerb sei falsch. Spätestens hier dürfte die Doku die Aufmerksamkeit jener Journalisten gewonnen haben, die mit Sorge die Entwicklung der Zeitungsbranche beobachten. Überraschendes Fazit: Nur mit tollen Geschichten könne man künftig überzeugen. Und damit liesse sich auch Geld verdienen.

Es gibt noch andere Momente, die selbst abgebrühte Newsprofis unter den Zuschauern überrascht haben dürften. Da wäre die Analyse von Wolfgang Blau, Onlinechef der britischen Zeitung «The Guardian»: Er glaubt an die Globalisierung der Medien, dass die Medien lernen müssten, in Englisch zu publizieren. Wer das in Zukunft nicht täte, verliere im Wettbewerb. Das Dilemma des deutschen Sprachraums sei das sprachliche Abgeschottetsein. Dabei würden die wichtigsten Debatten in Englisch geführt. Da widerspricht ihm Springer-Chef Döpfner: Die Zukunft sei nicht das Englische, die Muttersprache sei ebenso wichtig. Sensibilitäten liessen sich nicht übersetzen. Eine spannende These, die leider zu kurz diskutiert wurde.

«Die Bibel hats auch überlebt»

Eindrücklich der Schwenk auch nach Indien. Dort gibt es Verleger, die keine Leser suchten, sondern Anhänger. Die das Gefühl der Zusammengehörigkeit von sozialen Gruppen ins Zentrum ihrer Arbeit stellen. Und man glaubt es kaum, aber in Indien ist das Selbstbewusstsein der Verleger ziemlich hoch. Die sagen Sätze wie: «Wir werden die Digitalisierung überleben, die Bibel hats schliesslich auch überlebt.»

Leider hat die Doku zu viele platte, nostalgische Momente. Journalisten schwärmen von der schönen Zeiten, als es noch ein Medium gab, keine grosse Konkurrenz, ein Redaktionsschluss, feste Arbeitszeiten. Das Übel ist schnell geortet: Mit der Computerisierung in den 80ern begann die Krise. Dann kam das Internet. Das Web habe alles verändert. Man habe es zu Beginn nicht als Bedrohung empfunden. Das ist zu einfach. Laut Auflagenstatistiken hat die Branche schon in den Jahren 1982/1983 den Zenit überschritten. Am Internet alleine kann der Niedergang also nicht liegen.

Alte Männer, wenig junges Personal

Zu den Schwächen der Doku: Die Macher haben überwiegend ältere Akteure interviewt. Dabei wäre es aufschlussreich zu hören, wie jüngere Zeitungsmacher, Medienmanager oder Journalisten zur Krise stehen. Kommt hinzu, dass sich die Doku leider zu oft an alten Klischees orientiert. Wenn die Zeitungsjournalisten als «alte Knacker» dargestellt werden, die keinen Durchblick hätten. Auf der anderen Seite die Onlinejournalisten, die Red Bull trinkend und mit Hornbrille alles an sich reissen wollen. Etwas peinlich wirken dann auch Quotes wie: «Wir schätzen die Kollegen der Zeitung, weil wir von ihrer Erfahrung profitieren können. Aber einige sind nicht gewandt mit dem Umgang neuer Techniken.»

Schwach ist ebenso der Blick in die Zukunft. Da haben es die Macher gänzlich verpasst, neue, überzeugende Wege aufzuzeigen. Es wird von Roboter-Journalismus und Algorithmen gesprochen. Ist das wirklich die Zukunft des Journalismus? Statt sich mit solchen im Trend liegenden Zukunftsvisionen zu beschäftigen, hätte viel mehr interessiert, wie eigentlich die aufkommenden Medienmacher aus den USA die Zukunft des Journalismus denn so sehen. Da wären bekannte Innovatoren wie Buzzfeed oder Vice, die es offensichtlich schaffen, junge Lesergruppen für sich zu gewinnen. Und vor Milliardendeals stehen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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