TV-Kritik

Die Sendung mit dem perfekten Rahmen

TV-KritikWelcher TV-Sender hat das beste Kulturmagazin? Heute: Die tägliche «Kulturzeit» von 3sat, gesehen am Dienstagabend.

">Sie kann bequem stehen: «Kulturzeit»-Moderatorin Cécile Schortmann.

Sie kann bequem stehen: «Kulturzeit»-Moderatorin Cécile Schortmann. Bild: ARD.de

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Stehen Sie bequem!», sagt der Vorgesetzte dem Untergebenen, wenn dieser seine militärisch exakt stramme Haltung aufgeben darf. Die Soldaten dürfen, die Moderatoren von TV-Kultursendungen müssen bequem stehen. Das ist schwer, denn nichts ist unnatürlicher, als in einem irgendwie als Kulturraum inszenierten Studio herumzustehen und, als fiele es einem gerade ein, intelligente Sätze über Kultur abzusondern.

Bei den meisten Moderatoren leidet man ein bisschen mit, wenn sie locker erscheinen wollen und doch nur mechanisch die Arme öffnen und wieder schliessen können. Bei Cécile Schortmann (sie moderiert die Sendung im Wechsel mit Tina Mendelsohn, Andrea Meier und Ernst A. Grandits) fühlt man sich als Zuschauer so wohl wie sie selbst. Das Im-Raum-Stehen scheint ihre natürliche Haltung zu sein, das Anmoderieren ihr selbstverständlicher Sprechmodus. Das, was sie über die folgenden Beiträge sagt, klingt so, als würde es ihr gerade einfallen. Es ist tatsächlich gesprochene Sprache, verständlich und unprätentiös, nicht das gedrechselte Kunstdeutsch, das Dieter Max Moor vom Teleprompter abliest.

Kultur als Selbstverständlichkeit

Die «Kulturzeit», das tägliche Kulturmagazin des Dreiländersenders 3sat, macht also ihren ersten Punkt mit der Moderatorin. Eigentlich ist es schon der dritte – der erste ist die Uhrzeit, 19.20 bis 20 Uhr, der zweite die Tatsache, dass sie täglich ausgestrahlt wird und so die Kultur zum normalen Bestandteil eines Fernsehtages macht, nicht zum Sonderfall, den man in den späten Abend abschiebt. Aber gut: 3sat ist auch ein ausgesprochener Kultursender, da muss ein tägliches Magazin drin sein.

Bei den Beiträgen ist der Zufriedenheitspegel nicht ganz zu halten. Der erste behandelte einen schwierigen Restitutionsfall, angeblich sogar den «schwierigsten aller Restaurationsfälle», nämlich den Welfenschatz, grossartige Goldschmiedekunst aus dem Mittelalter, die im Braunschweiger Dom aufbewahrt wird. Drei jüdische Kunsthändler hatten ihn 1935 an das Deutsche Reich verkauft; sie sassen schon im Ausland und erhielten einen anständigen Preis. Jetzt haben Erben Rückgabe oder Entschädigung verlangt, weil zwar nicht der Handel erzwungen war, aber die Exilsituation der Besitzer und die allgemeine wirtschaftliche Lage sie unfrei gemacht habe. Das kann man nun so oder so sehen; der Beitrag drückte sich indes um eine Haltung, liess beide Parteien zu Wort kommen und schritt dabei mächtig viele Aspekte ab, bis hin zur Frage, ob hier im Zuge verschiedener Raubkunstskandale unangemessener moralischer Druck erzeugt werde. Ein bisschen mehr Mut zum eigenen Urteil darf man, wenn die komplexen Fakten ausgebreitet sind, schon erwarten von einem Fachmagazin.

Kultur und Politik, die ideale Verbindung

Dieses Problem ergab sich bei der Vorstellung des Films «A Touch of Sin» des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke nicht. Der Film ist bereits weithin rezensiert und gerühmt worden, in China darf er nicht gezeigt werden: Die kulturmagazinisch gesehen ideale Kombination von Wert und Verfolgung, Kultur und Politik.

Auch die Tagebücher des Nobelpreisträgers Imre Kertész sind nicht gerade taufrisch, aber das Gespräch von Cécile Schortmann mit der klugen Ina Hartwig wurde zum Höhepunkt der ganzen Sendung. Der Literaturkritikerin gelang es doch tatsächlich in wenigen Minuten, die komplizierte Identitätsproblematik und Ästhetik des Holocaust-Überlebenden zu entwirren und sie in begreifbare, fast plakative Sätze zu fassen wie etwa «Wenn ich ich sage, ist es schon Kitsch».

Unsinnige Musikuntermalung

An der Besprechung von Karin Beiers Antikentheaterprojekt in Hamburg gefiel die differenzierte Bewertung der beiden Teile (vor der Pause: Daumen hoch, danach: eher runter). Ärgerlich war die musikalische Illustration mit Zitherklängen à la «Alexis Sorbas». Was haben die alten Griechen mit Sirtakimusik zu tun?

Den Beitrag über das Eurosonic-Festival in Groningen haben Kulturfans schon am Vortag im ORF sehen können. Recycling. Ja, auch die TV-Sender müssen sparen, sonst können sie grosse Sportereignisse nicht mehr angemessen abdecken oder ihre Hierarchen angemessen entlöhnen. Das kleine Schlussstück über das Video von Julia Engelmann, das das jugendliche Lebensgefühl des «Fast hätte ich» sympathisch vermittelt und im Internet ein Renner ist, zeigte das stete Bemühen der «Kulturzeit», den Anschluss an aktuelle Formen und Modi zu halten. Fazit der Sendung: Der Rahmen ist erfreulich, der Inhalt ausbaubar.

Morgen besprechen wir den «Kulturplatz» des Schweizer Fernsehens. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.01.2014, 13:34 Uhr

Video

Eleganter Auftritt: Cécile Schortmann moderiert einen Beitrag über Südtirol an.

Artikel zum Thema

Ein Moor macht noch keine Kultur

TV-Kritik Welcher TV-Sender hat das beste Kulturmagazin? Heute: «Titel, Thesen, Temperamente» auf der ARD leidet unter einem Schweizer Moderator, der sich zu wichtig nimmt. Mehr...

Eva Wannenmacher zurück bei «Kulturplatz»

Überraschende Rückkehr: Die langjährige «Kulturplatz»-Moderatorin Eva Wannenmacher moderiert neu die Sendung und löst Nicole Salathé ab. Im Januar hatte Wannenmacher ihren Rücktritt erklärt. Mehr...

Patriotische Österreicher

TV-Kritik Welcher TV-Sender hat das beste Kulturmagazin? Heute: Der «Kulturmontag» des ORF ist reichhaltig und affirmativ. Mehr...

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...