Der Staat unter Sperrfeuer

Der neuste «Tatort» imitierte Quentin Tarantinos Lieblingsfilm im Offenbacher Hinterland. Konnte das gut gehen?

«Tatort»-Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur, m.) unter Belagerung.

«Tatort»-Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur, m.) unter Belagerung.

Philippe Zweifel@delabass

Kennen Sie «Assault on Precinct 13»? Das ist einer von Quentin Tarantinos Lieblingsfilmen – dasselbe gilt für mich. In den 70ern gedreht, ist er ein Vertreter des Home-Invasion-Genres, wo der private Raum rechtschaffener Bürger geentert wird. Wobei Autor und Regisseur John Carpenter dies in «Precinct 13» zuspitzte: Er lässt darin eine heruntergekommene Polizeistation in Los Angeles unter Belagerung kommen und suggeriert so die Kapitulation des Staates vor der verrohten Gesellschaft. «Angriff auf Wache 08», der neueste «Tatort»-Fall von Kommissar Felix Murot, war ein Remake dieses Klassikers. Zum Auftakt ertönten sogar die düsteren Elektrobassklänge, die Carpenter für seine Filme selber produzierte.

Murot besuchte einen alten Weggefährten, der inzwischen eine zum Museum umfunktionierte Wache im Offenbacher Hinterland betreute – und die angegriffen wurde. Wie im Original gingen der Belagerung Verbrechen voraus; eine Abrechnung unter Banden und ein Mädchen, das den Mörder ihres Vaters erschossen hatte und in der Wache Zuflucht fand. Die beiden Taten waren nicht direkt verlinkt, wie bei Carpenter war bis zum Schluss nicht eindeutig, was die Angreifer wollten. Das machte die Bedrohung erst recht unheimlich. Die Schergen erinnerten weniger an Menschen als an eine unerkennbare Horde, die nur auf Zerstörung aus war. Nihilistisch, unberechenbar. Mal eröffneten sie das Feuer, mal versuchten sie, die Wache zu stürmen.

Das ist Action, das ist toll. Doch natürlich gehts bei solchen Filmen auch um die Dynamiken unter den Belagerten. Bei Carpenter geraten Schwarze gegen Weisse aneinander, genauso wie Frauen an Männer und Gefangene an Wächter. Hackordnung und moralischer Kodex verändern sich ständig. Im Vergleich fiel der «Tatort» hier ab. Zwar versuchten die Drehbuchautoren mit einem kannibalistischen Serienmörder das Grüpplein der Eingeschlossenen interessant zu machen. Doch das war zu weit hergeholt und bot höchstens Ansätze zur Komik. Trotzdem machte dieser «Tatort» mit seinen vielen popkulturellen Anspielungen Spass. Irgendwann lief während des Sperrfeuers «The End» von den Doors, und als Carpenter-Fan wusste man natürlich, dass «Das Ende» der deutsche Titel des ikonischen Originals ist. Aber ich höre jetzt mit der Schwärmerei für «Precinct 13» auf. Sehen Sie sich den Film einfach selber an, er steht in voller Länge auf Youtube:

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt